Collinas Erben: Kein Geheimnis

Vor den Halbfinalspielen der Weltmeisterschaft in Brasilien gibt es eine Menge Aufregung um etwas, das am Montag von einer großen deutschen Boulevardzeitung als »geheime FIFA-Anordnung an die Schiedsrichter« verkauft und später von anderen Medien gar als »Geheimplan« bezeichnet wurde. Gemeint ist eine nicht-öffentliche Direktive der Schiedsrichter-Kommission des Weltfußballverbands, nach der die Unparteiischen bei der WM in ihren Spielen so lange wie möglich mit der ersten Gelben Karte warten und auf Vergehen im Zweifels- respektive Grenzfall mit einer Ermahnung reagieren sollen. Nachdem der brasilianische Starspieler Neymar im Viertelfinale durch ein Foul des Kolumbianers Juan Zúñiga schwer verletzt worden war, gaben unter anderem der Ex-Profi Mehmet Scholl (»Das kommt dabei raus, wenn die Schiedsrichter nicht die Vorgabe haben, brutale Fouls zu stoppen«), der frühere FIFA-Schiedsrichter Urs Meier (»Die FIFA hat mitzuverantworten, dass Neymar ausfällt; die Messlatte für Gelbe Karten ist viel zu hoch«) und das erwähnte Boulevardblatt (»Die Anordnung führt in letzter Konsequenz zu Fouls wie im Fall Neymar«) der FIFA eine Mitschuld an dieser Verletzung.

Die Empörung ist also groß, dabei ist es an der Zeit, die Debatte zu versachlichen. Zunächst einmal ist der vermeintliche Geheimplan nichts, was erst gestern durch die besagte Zeitung »enthüllt« worden wäre. Das Projekt »The 3rd Team« – ein internationales, englischsprachiges Webportal von und für Referees, das regelmäßig exzellente Fachanalysen publiziert, beste Kontakte zu FIFA-Schiedsrichtern unterhält und über Informationen aus erster Hand verfügt – hatte bereits am 18. Juni auf die Direktive hingewiesen und sie kritisch kommentiert. Auch wir haben sie in unserem Podcast, bei DRadio Wissen, bei n-tv und auf Twitter frühzeitig und mehrmals thematisiert. Hinzu kamen faktische Bestätigungen durch die deutschen Schiedsrichter-Funktionäre Herbert Fandel und Hellmut Krug in verschiedenen Interviews. Doch selbst, wenn die Existenz dieser Richtlinie für die Unparteiischen nicht bekannt (geworden) wäre: Wenn nahezu alle 25 Referees beim wichtigsten Fußballturnier der Welt Übertretungen der Regeln, für die es zuvor immer Gelbe Karten gegeben hat, nicht mit einer Verwarnung ahnden – genannt seien vor allem taktische Fouls und »Schwalben« –, scheidet auf diesem Niveau der Zufall als Grund schlichtweg aus. Hier handelt es sich vielmehr um eine Regelauslegung, die nur von der Schiedsrichter-Kommission der FIFA vorgegeben worden sein kann.

Derartige Anweisungen an die Schiedsrichter sind auch gar nichts Ungewöhnliches, ganz im Gegenteil. Die Referees sind vor dem Turnier zweimal von der FIFA zu mehrtägigen Lehrgängen zusammengezogen worden, und auf solchen Lehrgängen wird nicht nur die körperliche und regeltechnische Fitness festgestellt. Es geht dabei auch und nicht zuletzt darum, den Spielleitern und ihren Assistenten – im Sinne einer möglichst einheitlichen Linie – mit auf den Weg zu geben, worauf sie besonders achten und bei welchen Geschehnissen sie eher großzügig sein sollen. Auch die Bundesliga-Schiedsrichter kommen regelmäßig zu Treffen zusammen und werden dort von der Schiedsrichter-Kommission des DFB instruiert. Im Unterschied zur FIFA äußert sich der DFB allerdings öffentlich dazu, was er von seinen Unparteiischen verlangt. Insbesondere vor dem Beginn einer Saison liest man regelmäßig Interviews beispielsweise mit dem Schiri-Chef Herbert Fandel, der deutlich macht, dass die Referees künftig etwa Ellbogeneinsätze im Luftkampf, »offene Sohlen« oder Handspiele mit besonderer Konsequenz ahnden sollen.

Dass die FIFA und der Vorsitzende ihrer Schiedsrichter-Kommission, der Schweizer Massimo Busacca, diesbezüglich deutlich weniger Transparenz walten lassen, gehört zu den Ärgernissen dieses Turniers. Die erwähnte Direktive ist zwar nicht im eigentlichen Sinne geheim, weil man ihre Umsetzung in fast jedem Spiel beobachten kann. Aber dadurch, dass sie der Öffentlichkeit nicht vorgestellt und erläutert wurde, hat sich nun ohne Not ein riesengroßer Raum für Spekulationen aufgetan, nicht nur im Boulevard. »Die ohnehin enormen Emotionen werden weiter aufgeheizt, auf Rasen, Rängen und vor den Fernsehern«, schreibt beispielsweise Thomas Kistner in der Süddeutschen Zeitung. »Denn was mit so einer Fußball-WM wirklich verkauft wird, wenn der halbe Planet zuschaut und sich Einschaltquoten der 100-Prozent-Marke annähern, ist ja nicht Fußball. Sondern: Emotion.« Außerdem profitiere der Gastgeber Brasilien – trotz des Ausfalls von Neymar – mit seiner »taktischen Foulerei« in besonderem Maße von der Nachsichtigkeit der Unparteiischen. Es bestätige sich, so Kistner, »was vor dieser WM wie vor jeder WM zu befürchten war: dass es ein wenig Anschubhilfe geben könnte«, weil »der Verbleib des Gastgebers im Turnier nun mal der Kernfaktor für Stimmung und Vermarktungschancen der Party ist«.

Eine Art »Lex Brasilien« also? Natürlich wurde das von FIFA-Direktor Walter de Gregorio umgehend dementiert: »Nur die Idee, dass es einen Geheimplan geben könnte, ist absurd. Man muss nur den gesunden Menschenverstand walten lassen und sich fragen, was das bringen soll. Wir sind dafür da, die Spieler zu schützen. Was für ein Interesse sollten wir haben, für mehr Spektakel die Verletzung von Spielern zu riskieren? Wir alle wollen Neymar spielen sehen.« Was aber könnte Massimo Busacca dann bewogen haben? Womöglich wollte er sich, wie der Boulevard mutmaßt, »nach dem Turnier für eine WM mit möglichst wenigen Gelben Karten feiern lassen«. In jedem Fall sei die Situation für die FIFA nicht einfach, resümiert Christian Spiller auf Zeit Online: »Lässt sie und ihre Schiedsrichter zu viel durchgehen, bekommen die Stars pro Turnier viele, viele Tritte ab. […] Die entscheidenden Spiele ohne die entscheidenden Akteure, das kann auch der spektakelsüchtigen FIFA nicht gefallen. Greifen die Unparteiischen jedoch zu hart durch, setzt sich der Weltverband dem Vorwurf aus, er würde seine Posterboys, die ihm das Geld verdienen, meist sind das Offensive, besonders schützen und bevorzugt behandeln. Dann würden die Abwehrspieler protestieren und fragen, wieso jeder harte Defensivzweikampf sofort unter Generalverdacht stehe, während die Künstler machen können, was sie wollen.« Ein Dilemma also.

Spiller weist zudem mit Recht darauf hin, dass von einer »Treter-Weltmeisterschaft« keine Rede sein könne und dass das Foul an Neymar nicht »mit den Brutalitäten und Tätlichkeiten dieser WM in eine Reihe zu stellen« sei, etwa mit dem Biss von Luis Suárez oder dem Ellbogenschlag das Franzosen Mamadou Sakho. Der Kolumbianer Juan Zúñiga habe »in dem folgenschweren Zweikampf nur auf den Ball« geschaut, so Spiller weiter, »seine Aktion wirkte eher ungeschickt als vorsätzlich«. In der Tat deutete in dieser Szene – zumal, wenn man sie in der Realgeschwindigkeit betrachtet – nichts auf ein gesundheitsgefährdendes Foulspiel hin. Es handelte sich regeltechnisch um ein Anspringen, und wenn man bedenkt, dass die Regeln hinsichtlich der Strafzumessung zwischen fahrlässig (keine Karte), rücksichtlos (Gelbe Karte) und brutal (Rote Karte) unterscheiden, kann man Zúñigas Einsteigen guten Gewissens zwischen der ersten und der zweiten Kategorie einordnen. Dass Schiedsrichter Carlos Velasco Carballo mit seiner allzu nachsichtigen Disziplinarkontrolle – die durch die FIFA-Direktive zwar begünstigt wurde, aber keineswegs nur auf sie zurückzuführen ist – zum Rekordwert von 54 Fouls beitrug, ist gleichwohl unstrittig.

Ungeachtet der Frage, was sich die FIFA-Schiedsrichter-Kommission davon versprochen haben mag, ihre Unparteiischen auf eine äußerst zurückhaltende Linie bei den Gelben Karten einzuschwören, bleibt zweierlei festzuhalten: Zum einen, dass es nicht sinnvoll war und ist – schon gar nicht vor einer Weltmeisterschaft –, mit dem bewährten Grundsatz zu brechen, dass eine Verwarnung vor allem rechtzeitig erfolgen muss, das heißt: so früh wie nötig und so spät wie möglich. Der richtige Einstieg in die persönlichen Strafen ist für jeden Referee in allen Klassen unerlässlich, sowohl hinsichtlich des Zeitpunkts als auch in Bezug auf das Vergehen. Zum anderen, dass sich die Schiedsrichter bei dieser WM angesichts der Hypothek, die ihnen auferlegt worden ist, weit besser geschlagen haben, als große Teile der Öffentlichkeit finden. Ausreißer nach unten gab es nicht häufiger als bei früheren Weltmeisterschaften. Auch das ist, übrigens, kein Geheimnis.

Lesetipp: »Schirichefschelte« von Heinz Kamke, veröffentlicht auf dessen Weblog »Angedacht«.

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