Die Tatsachenentscheidung – ein Relikt von vorgestern?

Nach den vergangenen Spieltagen in der Bundesliga wird das Prinzip der Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters verschiedentlich infrage gestellt – nicht zum ersten Mal. Ist es tatsächlich unzeitgemäß geworden? Worauf basiert es eigentlich? Und inwieweit wird es durch den Videobeweis beeinflusst?

Thomas Tuchel hat sich auf einer Pressekonferenz am vergangenen Montag ordentlich in Rage geredet. Es habe einen »schon beinahe tragischen Beigeschmack, wenn wir einen Spieler verlieren und über 50 Minuten in Hoffenheim in Unterzahl spielen, der dann nachweislich nichts getan hat«, sagte der Trainer von Borussia Dortmund mit Blick auf die Gelb-Rote Karte, die Marco Reus bei der Auswärtspartie des BVB im Kraichgau erhalten hatte. Wenn der Spieler dann auch noch gesperrt bleibe, so Tuchel weiter, habe das »auf jeden Fall absurde Züge«. Es fühle sich »für uns ein bisschen so an, als wirst du vom Kaufhausdetektiv beim Ladendiebstahl erwischt, und durch die Kamera stellt sich raus, du hast gar nichts geklaut, gehst dann aber trotzdem eine Woche in den Bau, weil der Detektiv halt gedacht hat, er hat’s gesehen und dann ist das halt so«.

Auch auf zwei andere Fälle aus den vergangenen Wochen ging der Coach ein, nämlich auf die Schwalbe des Leipzigers Timo Werner beim Spiel gegen Schalke 04 am 13. Spieltag, die vom Schiedsrichter unerkannt blieb und in einen Strafstoß für den Aufsteiger nur 20 Sekunden nach dem Anpfiff mündete, sowie auf den ungeahndeten Ellenbogenschlag des Frankfurters David Abraham gegen den Hoffenheimer Sandro Wagner eine Woche später. Tuchel ärgerte sich darüber, »dass Spieler, die eine Schwalbe machen und das nachweislich aufgedeckt wird, dann trotzdem am nächsten Spieltag spielen« und dass »mittlerweile Ellenbogenschläge dazugehören zum Spiel und der Spieler spielt dann trotzdem weiter«. Deshalb sei es absurd, dass sein Team nun für ein Spiel auf Reus verzichten müsse, »wenn jede Kamera beweist, dass er nichts getan hat«.

Tuchels Wutrede war de facto ein Plädoyer gegen die Tatsachenentscheidung, die im Fußball ein so hohes Gut ist, dass sie sogar im Regelwerk festgeschrieben wurde, genauer gesagt: in der Regel 5 (»Der Schiedsrichter«). Dort heißt es: »Die Entscheidungen des Schiedsrichters zu Tatsachen im Zusammenhang mit dem Spiel sind endgültig.« Zu diesen Tatsachen gehören beispielsweise die Entscheidung auf »Tor« oder »kein Tor« und das Ergebnis des Spiels, aber auch die Entscheidung, ob ein Foul- oder Handspiel vorliegt, das einen Frei- oder Strafstoß nach sich zieht, sowie die Entscheidung, eine Verwarnung oder einen Feldverweis auszusprechen.

Was diesbezüglich zur Tatsache wird, legt also der Referee fest, und zwar – auch das steht in der Regel 5 – »basierend auf seiner Einschätzung« sowie »nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne der Spielregeln und im ›Geist des Fußballs‹«. Der Terminus »Tatsachenentscheidung« deutet somit, wie es im entsprechenden Wikipedia-Eintrag treffend heißt, »nicht auf eine von niemandem bestrittene, unumstößliche Tatsache [hin], sondern darauf, dass ein dazu Berechtigter etwas als eine Tatsache ansieht, die aber nicht unbedingt so geschehen sein muss.«

Die Wahrheit is‘ aufm Platz – oder etwa nicht?

Aus alledem folgt mehrerlei: Der Unparteiische verfügt auf dem Platz über die unumschränkte Macht, er ist gleichsam Polizist, Staatsanwalt und Richter in Personalunion, während die Mannschaften keinerlei Einspruchsrecht haben. Maßgeblich für seine Urteile sind seine Wahrnehmung und seine Einschätzung, die notwendig etwas Subjektives haben, zumal sie beispielsweise vom jeweiligen Standort des Schiedsrichters (und damit von seinem Blickwinkel) und teilweise auch von seiner Regelauslegung, also seinem Ermessen beeinflusst werden, vor allem bei Zweikämpfen und Handspielen, die oftmals keine Frage von Schwarz und Weiß sind, sondern viele Grautöne haben.

Dennoch schafft jede Entscheidung eine unverrückbare Tatsache (auch aus einem Grau wird dann also zwangsläufig Schwarz oder Weiß) und bekommt damit die Weihen des Objektiven. Dass daraus Konflikte resultieren und dass es zu Ungerechtigkeiten kommt, liegt in der Natur der Sache, schon weil Schiedsrichter eben Menschen sind, die auslegungsbedürftige Spielräume unterschiedlich interpretieren und selbstverständlich auch Fehler begehen – insbesondere, wenn sie Geschehnisse in Sekundenbruchteilen beurteilen müssen.

Warum die Tatsachenentscheidung dennoch eine Art heilige Kuh ist, hat wiederum Wikipedia gut auf den Punkt gebracht: »Um das Regelwerk von Sportarten praktisch anwenden zu können, ist es notwendig, dass Entscheidungen von Schiedsrichtern sofort wirksam werden, ohne dass ein Wettkampfteilnehmer dagegen Einspruch erheben kann oder eine Entscheidung nachträglich in irgendeiner Form widerrufen wird.« Oder, um ein Zitat der 2003 verstorbenen Dortmunder Legende Adi Preißler zu zweckentfremden: »Entscheidend is‘ aufm Platz.«

Ausnahmen von der Regel

Wollte man alle Urteilssprüche des Referees unmittelbar auf den Prüfstand stellen, bedürfte das nicht nur eines erheblichen personellen (und technischen) Aufwandes – der im Amateurbereich gar nicht zu leisten wäre –, es würde das Spiel auch ganz erheblich verzögern und zerfasern. Und schüfe man grundsätzliche Einspruchsmöglichkeiten nach dem Abpfiff, dann hätte das eine Verlagerung von Streitigkeiten in die Säle der Spruchkammern und Sportgerichte zur Folge. Niemand wüsste nach dem Ende einer Partie mehr, was Sache ist und Bestand behält. Außerdem würde die Autorität des Schiedsrichters nachhaltig untergraben – mit heftigen Folgen.

Hans E. Lorenz, der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, hat deshalb einmal in einem lesenswerten Interview des Sportportals »Spox« gesagt: »Würde die Sportgerichtsbarkeit, im Bemühen um objektive Gerechtigkeit, jede Schiedsrichterentscheidung annullieren, korrigieren oder verbessern, ginge das an unserer Aufgabe vorbei. Wir sind kein Reparaturbetrieb für falsche Schiedsrichterentscheidungen. […] Wir alle müssen damit leben, dass der Schiedsrichter auch einmal eine falsche Tatsachenentscheidung trifft, bis auf wenige Ausnahmen.« Diese Ausnahmen betreffen vor allem den sogenannten offensichtlichen Irrtum des Unparteiischen, der beispielsweise vorliegt, wenn die Nummer sechs einen Gegner schlägt, der Referee aber die Nummer acht vom Platz stellt. In einem solchen – sehr seltenen – Fall erfolgt normalerweise ein Freispruch.

Eine weitere Ausnahme ist der Regelverstoß, der sich von der falschen Tatsachenentscheidung dadurch unterscheidet, dass der Schiedsrichter eine Begebenheit richtig feststellt, darauf aber die Regeln vorschriftswidrig anwendet. Ein Beispiel: Ein Elfmeter wird verwandelt, doch ein Mitspieler des Schützen war deutlich zu früh in den Strafraum eingedrungen; der Unparteiische stellt das auch fest, ordnet aber nicht die vorgesehene Wiederholung an, sondern spricht dem Gegner einen indirekten Freistoß zu. Mit anderen Worten: Eine falsche Tatsachenentscheidung beruht auf einer falschen Einschätzung (die eine Folge der Wahrnehmung einer Situation durch den Referee ist), ein Regelverstoß auf einer Schwäche bei der Regelkenntnis.

Die Folgen des technischen Fortschritts

Nun lässt sich mit Recht einwenden, dass der Fußball sich im Laufe der Jahrzehnte extrem verändert hat, vor allem im Profibereich. In früheren Jahren hat schon deshalb kaum jemand das Prinzip der Tatsachenentscheidung grundsätzlich infrage gestellt, weil den Schiedsrichtern ohnehin nur selten Fehler zweifelsfrei nachzuweisen waren. Dafür fehlten schlicht die technischen Mittel. Inzwischen ist das bekanntlich vollkommen anders: Jede Spielszene, jede Entscheidung kann aus einer Vielzahl von Kameraperspektiven noch einmal begutachtet werden, in Superzeitlupe, in Standbildern sowie mit Ausschnittvergrößerungen. Und zwar zeitnah.

Das hat mit den Jahren dazu geführt, dass sich die Stimmen derer mehrten, die fragten: Warum bleibt den Unparteiischen verwehrt, was die Fernsehzuschauer – und mittlerweile auch die Fans im Stadion via Smartphone – in Anspruch nehmen können? Weshalb muss eine nachweisliche Fehlentscheidung bestehen bleiben, wenn fast alle außer dem Referee es längst besser wissen? Die FIFA, die UEFA, das IFAB und viele nationale Verbände haben darauf reagiert, indem sie erst die Schiedsrichter-Teams mit Vierten Offiziellen und Torrichtern verstärkten – mehr Augen sehen schließlich mehr – und dann die Technik Einzug halten ließen: Erst kam die Torlinientechnologie, nun wird der Videobeweis getestet.

Die Tatsachenentscheidung als solche wird dadurch nicht angetastet (ob das auch für die Autorität des Spielleiters auf dem Feld gilt, bleibt abzuwarten), denn das letzte Wort behält der Schiedsrichter. Nach Elfmeterentscheidungen (und strafstoßverdächtigen Szenen), Roten Karten (und platzverweisverdächtigen Situationen) und Toren sowie bei einer drohenden Spielerverwechslung im Zuge von persönlichen Strafen unterstützt ihn dort, wo der Videobeweis eingesetzt wird, ein Video-Assistent. Die endgültige Entscheidung trifft aber weiterhin der Referee selbst. Korrigiert werden dürfen nur, so steht es in den Richtlinien des IFAB für den Videobeweis, unzweifelhaft – also unauslegbar – falsche Entscheidungen.

Bezogen auf die von Thomas Tuchel angeführten Beispiele hieße das: Die »Schwalbe« von Timo Werner wäre durch den Videobeweis aufgedeckt worden, den Strafstoß für RB Leipzig hätte der Unparteiische anschließend zurückgenommen. Der Ellenbogenschlag von David Abraham hätte zu einer Roten Karte geführt. Marco Reus dagegen hätte die Videotechnik nichts genützt, denn sie kommt nur bei »glatt« Roten Karten zum Einsatz, nicht aber bei Gelb-Roten (was nicht so bleiben muss). Abgesehen davon lag in diesem Fall auch keine eindeutig falsche Entscheidung vor, denn wie man den körperbetonten Zweikampf zwischen Reus und Nadiem Amiri bewertet, ist letztlich eine Auslegungssache. Deshalb wäre für den Fall, dass eine solche Tatsachenentscheidung vor dem Sportgericht angefochten werden könnte, ein Freispruch auch keineswegs ausgemacht.

Die Auswirkungen auf den Amateurbereich

Ungeachtet dessen stellt sich die Frage, ob die Tatsachenentscheidung tatsächlich, wie Rainer Franzke in der Printausgabe des »Kicker« vom 12. Dezember 2016 fand, »ein Relikt von vorgestern« ist. In der Bundesliga soll die für 2017/18 geplante Einführung des Videobeweises dafür sorgen, dass klare Fehler der Schiedsrichter – also falsche Tatsachenentscheidungen – mit potenziell spielveränderndem oder gar spielentscheidendem Charakter umgehend korrigiert werden. Über die Frage, was als klar anzusehen ist, dürfte es gleichwohl bisweilen heftige Diskussionen geben (womöglich sogar in den Schiedsrichter-Teams selbst). Da hülfe aber auch keine übergeordnete Instanz inhaltlich weiter.

Auf den Amateurbereich hätte eine Aufweichung oder gar Abschaffung des Prinzips der Tatsachenentscheidung – die es nur über einen massiven Eingriff ins Regelwerk geben könnte – dramatische Auswirkungen. Böte man dort die Möglichkeit zu umfassenden Einsprüchen gegen die Entscheidungen des Schiedsrichters – etwa auf der Grundlage von Amateurvideos –, dann zöge das eine wahre Flut von Spruchkammersitzungen nach sich. Man könnte davon ausgehen, dass zahlreiche Unparteiische sich das nicht lange antun würden und dass neue Schiedsrichter deshalb noch schwerer zu gewinnen wären, als das jetzt schon der Fall ist. Nicht zuletzt aus diesen Gründen ist kaum anzunehmen, dass das IFAB am Prinzip der Tatsachenentscheidung rühren wird. Und das ist auch gut so.

Es wird interessant zu beobachten sein, ob die Einführung des Videobeweises die Kluft zwischen dem bezahlten und dem Amateurfußball weiter vertiefen und diesem Sport damit noch mehr von seinem egalitären Moment nehmen wird. Im höchstklassigen Profibereich wird er die unter Beschuss geratene Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters vermutlich wieder stärken, weil er zeitnahe Korrekturmöglichkeiten eröffnet. Bei den Amateuren, aber auch schon unterhalb der jeweils obersten Liga wird es diese Möglichkeit dagegen nicht geben, was die Unparteiischen noch mehr unter Druck setzen dürfte – und den Ruf laut werden lassen könnte, wenigstens nach dem Spiel Einspruchsoptionen zu eröffnen. Zumindest aus der Schiedsrichterperspektive kann man deshalb nur hoffen, dass das IFAB standhaft und die Wahrheit grundsätzlich aufm Platz bleibt.

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Der Schiedsrichter im Sportrecht

Am 16. November dieses Jahres fand in der Aula I der Universität zu Köln die Sonderveranstaltung »Der Schiedsrichter im Sportrecht« statt, und zwar im Rahmen der Sportrechtsvorlesung von Dr. Jan F. Orth an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät (weitere Informationen dazu gibt es hier). Wir hatten das große Vergnügen, gemeinsam mit dem Dozenten sowie dem Bundesliga-Schiedsrichter Sascha Stegemann daran mitwirken zu dürfen. Nun ist die Aufzeichnung der Uni online. Bei der Vorlesung wurden insgesamt vier Videos mit Sequenzen aus Fußballspielen verwendet, die aus rechtlichen Gründen jedoch nicht in die Aufzeichnung integriert werden durften. Wir verlinken sie hier deshalb.

Teil I: Was kostet der falsche Pfiff? Die zivilrechtliche Haftung
Referent: Dr. Jan F. Orth

Beginn: bei 5:45
Verwendetes Video: Ausschnitte aus dem Bundesligaspiel Borussia Dortmund – TSG 1899 Hoffenheim (2013), online hier (Szene beginnt bei 16:14)

Teil II: Ist der Schiedsrichter strafrechtlich verantwortlich? Die strafrechtliche Haftung
Referent: Sascha Stegemann
Beginn: bei 49:40

Teil III: Auslegungs- und Anwendungsprobleme nach der Regelreform. Fußball und Jura
Referent: Alex Feuerherdt
Beginn: bei 1:33:45
Verwendete Videos:
1. Ausschnitte aus dem Oberligaspiel Viktoria Köln – KFC Uerdingen 05 (2012), online hier
2. Ausschnitte aus dem Drittligaspiel VfL Osnabrück – 1. FC Magdeburg (2016), online hier (Szene beginnt bei 3:09)
3. Ausschnitte aus dem Europa-League-Spiel Maccabi Tel Aviv – Zenit St. Petersburg (2016), online hier

SR-im-Sportrecht

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Tatsachenentscheidung oder Regelverstoß?

Im Champions-League-Spiel des FC Bayern in Rostov lief die 86. Minute, als sich eine Situation ereignete, die in regeltechnischer Hinsicht sehr viel mehr Brisanz barg, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte (zum Video der Szene geht es hier). Franck Ribéry flankte den Ball von der linken Seite in die Mitte des Strafraums, dort gingen Robert Lewandowski und sein Gegenspieler Cesar Navas im Torraum der Gastgeber zum Ball. Der Rostover Innenverteidiger klammerte und zog, der Münchner Stürmer ging zu Boden. Schiedsrichter Artur Soares Dias pfiff – und zeigte mit dem ausgestreckten rechten Arm auf den Elfmeterpunkt. Strafstoß für die Bayern also? Nein, denn nun hob der Referee plötzlich seinen linken Arm, um einen indirekten Freistoß zu signalisieren – wegen einer Abseitsstellung von Lewandowski, die ihm sein Assistent mit erhobener Fahne angezeigt hatte. Die Münchner protestierten kurz, aber die Aufregung hielt sich in Grenzen.

Dabei hätte es gute Gründe für sie gegeben, denn die Entscheidung des Unparteiischen war falsch. In der Regel 5 (Der Schiedsrichter) heißt es nämlich: »Der Schiedsrichter hat bei mehreren gleichzeitigen Vergehen das schwerste Vergehen hinsichtlich Sanktion, Spielfortsetzung, physischer Härte und taktischer Auswirkungen zu ahnden.« Ob diese gleichzeitigen Vergehen von einer Mannschaft oder von beiden Teams begangen werden, ist dabei unerheblich. In Rostov war es zu zwei gleichzeitigen Regelübertretungen gekommen: einer aktiven Abseitsstellung (indem Lewandowski sich im Zweikampf mit Cesar Navas um den Ball befand, beeinflusste er ihn) und einem Foulspiel (Cesar Navas hatte Lewandowski strafwürdig gehalten). Das schwerere Vergehen im Sinne der Regel 5 war dabei eindeutig das Foul.

Nun könnte man vermuten, dass gar keine Gleichzeitigkeit gegeben war, schließlich befand sich Lewandowski ja bereits im Moment des Abspiels durch Ribéry im Abseits, also deutlich vor dem Foul des Rostovers. Allerdings ist eine Abseitsstellung erst dann strafbar, wenn der betreffende Spieler auch tatsächlich aktiv am Spiel teilnimmt – beispielsweise, indem er den Ball spielt oder eben einen gegnerischen Akteur beeinflusst, indem er versucht, den Ball in seiner (und dessen) Nähe zu erreichen. Just in dem Moment, als das bei Lewandowski der Fall war, brachte ihn Cesar Navas jedoch zu Fall. Damit lag eine Gleichzeitigkeit der Vergehen vor. (Dass Lewandowski aus seiner Abseitsstellung gewissermaßen einen Vorteil zog, spielt hier keine Rolle.)

Die Frage ist, ob Artur Soares Dias lediglich eine falsche Tatsachenentscheidung getroffen oder ob er – was ungleich gravierender wäre – einen Regelverstoß begangen hat. Ein Regelverstoß liegt vor, wenn ein Schiedsrichter zwar einen Sachverhalt korrekt feststellt, darauf aber die Regeln falsch anwendet. Das wäre beispielsweise der Fall, wenn er das Spiel wegen eines absichtlichen Handspiels im Strafraum unterbräche und es dann nicht mit einem Strafstoß, sondern mit einem indirekten Freistoß fortsetzte. In Rostov stellte das Team der Unparteiischen beide Vergehen richtig fest: die aktive Abseitsstellung von Lewandowski (erkennbar am Fahnenzeichen des Assistenten) und auch das Foul (erkennbar daran, dass der Referee auf die Strafstoßmarke deutete).

Es knüpfte daran jedoch die falsche Spielfortsetzung, denn Artur Soares Dias gab einen indirekten Freistoß für die Hausherren statt eines Elfmeters für die Gäste. Somit lag eigentlich ein Regelverstoß vor, wie auch Johannes Gründel auf wahretabelle.de und »The 3rd Team« auf seinem Blog ausführen. Der FC Bayern könnte also theoretisch einen Grund für einen Einspruch gegen die Spielwertung haben. Diesen wird es vermutlich nicht geben, aber nehmen wir einmal an, der deutsche Rekordmeister ginge wirklich so vor. Was geschähe dann? Würde die UEFA tatsächlich einen Regelverstoß feststellen? Käme es zu einer Wiederholung der Partie?

Nun, zunächst einmal würde der Schiedsrichter befragt werden, wie er zu seiner Entscheidung gekommen ist. Und hier wird es kompliziert. Denn er könnte versuchen, einen Wahrnehmungsfehler geltend zu machen – etwa, indem er aussagt, sein Assistent habe ihm mitgeteilt, Lewandowski habe bereits deutlich vor dem Foul von Cesar Navas aus seiner Abseitsstellung aktiv am Spiel teilgenommen. Oder indem er angibt, der Assistent habe ihn davon überzeugt, dass gar kein Foul des Rostover Verteidigers vorlag. Dass die Fernsehbilder beides nicht stützen, wäre dabei erst einmal zweitrangig. Denn maßgeblich wäre aller Wahrscheinlichkeit nach die Aussage des Unparteiischen. Wenn sich der Schiedsrichter also so äußern würde wie hier skizziert und die UFEA ihm glaubte, wäre der Regelverstoß vom Tisch, weil dann nur noch eine falsche Tatsachenentscheidung vorläge – und die bliebe ohne Konsequenzen. Das gilt insbesondere für den Fall, dass der Unparteiische angäbe, sich via Headset mit seinem Assistenten darauf geeinigt zu haben, dass Cesar Navas kein Foulspiel begangen hat.

Doch was wäre, wenn die UEFA tatsächlich einen Regelverstoß feststellen würde? Legt man zugrunde, wie sie nach dem Regelverstoß der Schiedsrichterin Marija Kurtes bei der Europameisterschaft der Frauen im April 2015 entschied, dann müsste sie eine Teilwiederholung der Partie des FC Bayern in Rostov anordnen – beginnend mit einem Strafstoß für die Münchner. Anschließend würden noch die verbleibenden vier Minuten der regulären Spielzeit und die vier Minuten Nachspielzeit ausgespielt, dann wäre schon wieder Feierabend. Doch dazu wird es, davon darf man wohl ausgehen, nicht kommen.

* * * * *

Update (25.11.16): DFB-Lehrwart Lutz Wagner hat sich wie folgt zu der Szene geäußert: »Da die Abseitsstellung von Lewandowski vor dem Halten war, ist auf Abseits zu entscheiden. Zeitgleich heißt zeitgleich. Die Vergehen müssen im gleichen Moment passieren. Abseits stand er bei Ballabgabe, strafbar wird es ab Eingreifen!« Das ist insoweit überraschend, als Wagner damit der Regelauslegung durch das IFAB widerspricht. Der DFB hatte im Juli, also kurz nach dem Inkrafttreten der Regelreform, ein Papier mit Antworten des IFAB auf verschiedene Regelfragen an die Schiedsrichter-Lehrwarte verschickt. In diesen Fragen ging es um strittige und unklare Punkte, die sich im Zuge der Reform aufgetan hatten. Frage 7 betraf dabei exakt die Spielsituation, die sich in Rostov zugetragen hat:

Ein Spieler steht im gegnerischen Strafraum in einer Abseitsposition. Kurz bevor der Flankenball ihn erreichen kann, wird er von einem Verteidiger umgerissen. Die Abseitsposition und das Haltevergehen ereignen sich also zeitgleich. — Antwort: Strafstoß, Verwarnung. Begründung: Grundsätzlich wird das Vergehen bestraft, das schwerer wiegt. Und das Halten (direkter Freistoß) wird schwerer bestraft als eine Abseitsposition (indirekter Freistoß), vor allen Dingen, wenn das Halten, bzw. die Art des Foulspiels eine Verwarnung erfordert.

Nicht zuletzt diese offizielle Information anhand eines konkreten Fallbeispiels bildete die Grundlage für die Einschätzungen von uns, von Johannes Gründel und von »The 3rd Team«. Warum Wagner die Szene in Rostov davon abweichend bewertet, werden wir zu klären versuchen.

Update (19.12.16): Lutz Wagner hat die behauptete Äußerung nicht getätigt, das entsprechende Zitat auf der Website »IG Schiedsrichter« (Screenshot zum Ursprungstext hier) war frei erfunden (Screenshot zu Wagners Erklärung hier) und entspricht auch nicht seiner Einschätzung zu der Situation in Rostov. Wir bitten für die Irritationen, die aus der Bezugnahme auf dieses Zitat durch uns entstanden sind, um Verzeihung.

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CE85 – Fallmuster


In der Slowakei fällt ein Spieler vor der Schiedsrichter-Assistentin auf die Knie, in der Bundesliga fallen sie reihenweise im Strafraum um. Als Schiedsrichter ist es dabei bisweilen hilfreich (manchmal aber auch irreführend), gewisse Muster zu erkennen. Zudem sprechen wir über die Frage, ob das Kneifen eine Form der Tätlichkeit ist, ob der »Selfie-Jubel« mit der Gelben Karte bestraft werden muss und ob es zu viel verlangt ist, von den Trainern zivilisatorische Mindeststandards zu erwarten. Außerdem klären wir einen Weltmeister über eine gar nicht mehr so neue Regel auf.
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Links: »11 Freunde« über eine Romanze in der fünften slowakischen Liga — Die »Deutsche Welle« porträtiert den syrischen Schiedsrichter Ammar Sahar — Die »Süddeutsche Zeitung« porträtiert den syrischen Schiedsrichter Hamdi Al-Kadri — Die Ankündigung der Veranstaltung »Der Schiedsrichter im Sportrecht« an der Uni Köln — Das offizielle Regelheft des DFB — Die Kolumnen von Collinas Erben auf n-tv.de — Collinas Erben bei Twitter und bei Facebook

Kapitelmarken: Diesmal leider nur manuell. 0:00 Hinweis in eigener Sache — 1:05 Intro: Rudi Völler zur »Foul-Debatte« — 2:00 Kurioses und Bemerkenswertes rund um die Schiedsrichterei — 13:00 Bundesliga, Spieltage 5 bis 10 (Hamburg – München, Dortmund – Freiburg, Darmstadt – Bremen, Freiburg – Frankfurt, Dortmund – Berlin, Mönchengladbach – Hamburg, Köln – Ingolstadt, Mainz – Darmstadt, München – Mönchengladbach, Leverkusen – Hoffenheim, Dortmund – Schalke, Köln – Hamburg, Berlin – Mönchengladbach) — 2:11:00 Fragen und Anmerkungen von Hörern — 2:16:30 DFB-Pokal und Widmung

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CE84 – Gedächtnisfoto


Wir melden uns endlich aus der Sommerpause zurück und blicken dabei zu Beginn – nach einem kleinen Update zum Thema Videobeweis – kurz auf die Europameisterschaft zurück. Genauer gesagt: Wir sprechen über einige Szenen, die für Gesprächsstoff gesorgt haben, und bilanzieren die Auftritte der Schiedsrichter bei diesem Turnier. Anschließend widmen wir uns den ersten drei Bundesliga-Spieltagen aus der Perspektive der Referees, analysieren ein regeltechnisches Kuriosum in der Europa League und haben schließlich eine Ankündigung in eigener Sache vorzunehmen. Allen Hörerinnen und Hörern wünschen wir viel Freude und gute Erkenntnisse!
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Links: In den USA gab es bei einem Drittligaspiel den weltweit ersten Videobeweis — Der niederländische Schiedsrichter Jan ter Harmsel stellt den Video-Analysten von Björn Kuipers vor — Das EM-Fazit von The 3rd Team — Verwirrung um den Vorteil nach einem platzverweiswürdigen Vergehen, gesehen in der Europa League — Die Ankündigung der Veranstaltung »Der Schiedsrichter im Sportrecht« an der Uni Köln — Die deutsche Fassung des neuen Regelwerks auf der Website des IFAB — Die Kolumnen von Collinas Erben auf n-tv.de — Collinas Erben bei Twitter und bei Facebook

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CE83 – Big Picture mit Grauszenen


Leicht boulevardesk steigen wir mit Mark Clattenburgs Tattoo ein, kriegen dann aber rasch die Kurve und widmen uns weiteren EM-Vorrundenpartien respektive den Auftritten der Schiedsrichter darin. Anschließend holen wir nach, was noch von der verflossenen Saison übrig war, das heißt: Wir werfen einen Rückblick auf die Leistungen der Referees im DFB-Pokal-Endspiel und im Champions-League-Finale. Außerdem stellen wir die Unparteiischen vor, die zur neuen Spielzeit in die Bundesliga aufsteigen, und räsonieren darüber, warum Bibiana Steinhaus nicht dabei ist, obwohl sie in der vergangenen Saison die Notenbeste in der Zweiten Liga war.
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CE82 – Another Brych in the Wall


Nachdem wir zuletzt unsere sämtlichen Ausführungen im Podcast zu den Fußballregeln 1 bis 17 in zwei Mammutfolgen zusammengeschnitten haben (CE80 und CE81), folgen diesmal Erläuterungen zu den wichtigsten Neuerungen, die die größte Regelreform in der langen Geschichte des IFAB hervorgebracht hat. Außerdem widmen wir uns dem ersten Auftritt von Felix Brych bei der Europameisterschaft in Frankreich und blicken auf die Schiedsrichterleistung im zweiten Gruppenspiel der DFB-Auswahl zurück. Mehr EM-Analyse haben wir aus Zeitgründen in dieser Episode leider nicht geschafft, aber die nächste Folge kommt bereits Anfang nächster Woche. (Leider knistert und knackt es zum Ende hin schon wieder ein wenig – unser Mischpult kommt offenbar allmählich in die Jahre und ächzt bei großer Belastung. Wir bemühen uns, des Problems Herr zu werden.)
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Kapitelmarken: Fehlen diesmal leider. Deshalb ersatzweise hier: 0:00 Eier kraulen — 5:45 Kritik der neuen Trikotkollektion — 13:05 Torrichter, abgemeiert — 14:55 Die wichtigsten Regeländerungen zur neuen Saison — 1:17:25 Torwartprosa — 1:18:10 EM 2016, England – Wales (SR: Felix Brych) — 1:38:35 Deutschland – Polen (SR: Björn Kuipers)

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Links: Die vorläufige deutsche Fassung des neuen Regelwerks auf der Website des IFAB — Jürgen Jansen auf sportschau.de zu den Handspielszenen in der Partie England vs. Wales — Die Kolumnen von Collinas Erben auf n-tv.de — Collinas Erben bei Twitter und bei Facebook — Die offiziellen Fußballregeln als PDF-Datei zum Download

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CE81 – Die Fußballregeln (12–17)


Zweiter und letzter Teil unseres umfänglichen Audio-Kollegs zu den Fußballregeln, zusammengeschnitten aus den bisherigen Podcastfolgen und ergänzt um die noch fehlenden Regeln 14 bis 17. Leider trübt in der letzten Viertelstunde ein Knistern und Knacken den Hörgenuss doch etwas – das ist uns im Zuge der Aufnahme leider nicht aufgefallen und ließ sich anschließend nicht mehr korrigieren. Wir erbitten eure Verzeihung dafür und hoffen auf Nachsicht.
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CE80 – Die Fußballregeln (1–11)


Als wir im Oktober 2012 mit dem Podcast begannen, hatten wir uns im Grunde genommen nur ein Ziel gesetzt: alle Fußballregeln von 1 bis 17 zu erklären. Am Anfang kamen wir damit auch rasch voran, doch bald gesellte sich gewissermaßen das Tagesgeschäft dazu, das heißt: Wir haben mehr über konkrete Schiedsrichterleistungen und -entscheidungen in der Bundesliga, im DFB- und im Europapokal sowie bei der WM gesprochen, als mit dem Regelwerk fortzufahren. Das wurde irgendwann sogar zum Running Gag in der Hörerschaft, nach dem Motto: Die werden nie damit fertig. Doch jetzt ist es tatsächlich so weit: Wir haben uns erst die noch fehlenden Regeln 14 bis 17 vorgenommen und anschließend sämtliche Ausführungen zum Regelwerk seit unserer ersten Folge zusammengeschnitten. Das Ergebnis veröffentlichen wir nun in zwei langen Episoden: In dieser gibt's die Regeln 1 (Das Spielfeld) bis 11 (Abseits), in der nächsten (CE81) die Regeln 12 (Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen) bis 17 (Eckstoß). Die Kapitelmarken helfen bei der Orientierung und beim Vor- und Zurückspringen. Die Tonqualität ist anfangs aufgrund des deutlich schlechteren Equipments leider noch mäßig – was wir zu entschuldigen bitten –, doch dank der großzügigen Spenden unserer Hörerinnen und Hörer hat sie sich erheblich verbessern lassen.
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CE79 – Anticipare, anticipare


Nach einer viel zu langen Pause melden wir uns mit einer regelrechten Mammutfolge zurück. Wir lassen den Endspurt der Saison Paroli laufen (das heißt, die Bundesliga-Spieltage 25 bis 34, das DFB-Pokal-Halbfinale und die Champions League ab dem Viertelfinale), ziehen ein Fazit dieser Spielzeit, verabschieden Knut Kircher, Florian Meyer und Michael Weiner, beantworten eure Fragen und erklären auch, warum Güllegeruch manchen Schiedsrichter von der Arbeit abhält und weshalb es für manchen eine Beleidigung ist, mit Justin Bieber verglichen zu werden.
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