CE92 – Tablet Man und die AVARtare


Ein Hauptschiedsrichter, zwei Schiedsrichter-Assistenten, ein Vierter Offizieller, ein Video-Assistent, drei Assistenten des VAR und schließlich noch der Mann mit dem Tablet – die Teams der Referees bestehen in jeder Partie aus nicht weniger als neun Leuten. Hinzu kommen noch vier Operatoren, die für die Auswahl der besten Kameraperspektiven zuständig sind. Was es dagegen nicht gibt, sind die Strafraumrichter – auch wenn wir in der Episode etwas anderes (nämlich Falsches) erzählen. Sorry vielmals! In aller Kürze erklären wir in dieser Folge, was beim Videobeweis während des Turniers in Russland anders laufen soll als zuletzt in der Bundesliga. Unter anderem soll es kalibrierte Abseitslinien und mehr Transparenz geben, vor allem für die Zuschauer im Stadion. Wir melden uns in einigen Tagen wieder und analysieren dann die ersten Partien. Viel Freude beim Hören!
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Ein Hinweis: Anders, als wir es in dieser Episode behaupten, gibt es bei der WM keine Strafraumrichter (a.k.a. Additional Assistant Referees). Wir bitten diesen Lapsus zu verzeihen!

Wir freuen uns über eure Fragen, eure Kritik, euer Lob, eure Wünsche. Sendet uns dazu einfach eine E-Mail oder eine Sprachnachricht.

Links: Das Erklärvideo der FIFA zum VAR — Das offizielle Regelheft des DFB — Die Kolumnen von Collinas Erben auf n-tv.de — Collinas Erben bei Twitter und bei Facebook

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CE91 – Erfühltes Abseits


Erst haben wir monatelang Pause gemacht, jetzt geht es plötzlich Schlag auf Schlag. Aber die jüngste Folge hat nachgehallt, wenn auch glücklicherweise nicht im buchstäblichen Sinne (diesmal haben nämlich Puppen und andere Spielsachen für eine bessere Akustik gesorgt). Wir befassen uns ausführlich mit dem Thema Abseits, das die Bundesliga-Spieltage 20 bis 27 geprägt hat, und das keineswegs nur wegen der weiterhin fehlenden kalibrierten Linien. Außerdem gibt es ein bisschen Regelkunde und -historie für Rune Jarstein, hochgezogene Augenbrauen für Heribert Bruchhagen und ein gewisses Verständnis für Christian Streich. Darüber hinaus sprechen wir noch einmal anhand konkreter Beispiele über die Taktik des Schiedsrichters bei Spielleitungen und den berühmten Einstieg in die persönlichen Strafen.
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Links: Sören Storks erklärt auf der Website des DFB die Arbeitsaufteilung zwischen dem Video-Assistenten und dessen Assistent — Die wichtigsten Statements und Zahlen von der Pressekonferenz von DFB und DFL zum Videobeweis finden sich auf der Website des DFB — Das offizielle Regelheft des DFB — Die Kolumnen von Collinas Erben auf n-tv.de — Collinas Erben bei Twitter und bei Facebook

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CE90 – Gefühlschaos im Zusatzprotokoll


So ist das manchmal: Der eine erwirbt ein Haus und muss es einrichten, der andere schreibt an einem Buch – und, schwupps, sind schon wieder mehr als vier Monate ohne Podcastfolge vergangen. Wir bitten vollumfänglich um Nachsicht und melden uns – wie könnte es anders sein – mit einer ausführlichen, kritischen, viele Perspektiven berücksichtigenden Zwischenbilanz zum Videobeweis zurück, den das IFAB nun auch fest ins Regelwerk aufgenommen hat. Dabei konnten wir den für die Schiedsrichter zuständigen DFB-Vizepräsidenten Ronny Zimmermann, den Video-Assistenten und früheren Bundesliga-Referee Jochen Drees sowie den Vorsitzenden der DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite, Lutz Michael Fröhlich, für Interviews gewinnen. Außerdem lassen wir die ersten beiden Rückrundenspieltage Paroli laufen, wie Horst Hrubesch es formulieren würde, berichten darüber, wie einem Spieler sein Name zum Verhängnis wurde, erklären, was der frühere Uno-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali mit den Video-Assistenten-Assistenten gemein hat, und erzählen, wie ein Fünftligaschiedsrichter plötzlich von der Kurve an die Seitenlinie gelangte. Da das schon wieder sehr viel Material ist und noch mehr Material vor uns liegt, haben wir beschlossen, uns schon in wenigen Tagen zur Aufzeichnung der nächsten Folge zu treffen. Schließlich ist das Haus jetzt eingerichtet und das Buch beim Lektor.
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Links: Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der Studie der Universität Leuven findet sich auf der Website des IFAB — Die wichtigsten Statements und Zahlen von der Pressekonferenz von DFB und DFL zum Videobeweis finden sich auf der Website des DFB — Das offizielle Regelheft des DFB — Die Kolumnen von Collinas Erben auf n-tv.de — Collinas Erben bei Twitter und bei Facebook

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Welche Entscheidungen wurden mithilfe der Video-Assistenten geändert?

Der Twitterer @saurehefe1887 hat sich dankenswerterweise die große Mühe gemacht, die Schiedsrichter-Entscheidungen, die in der Bundesliga-Hinrunde 2017/18 mithilfe der Video-Assistenten geändert wurden (im Zusammenhang mit Toren, Strafstößen und Roten Karten), in einer Tabelle zu verzeichnen (für eine größere Ansicht bitte aufs Bild klicken). Nicht aufgeführt sind die Gelben Karten, die im Zuge von Reviews etwa aufgrund eines Rotverdachts nachträglich gezeigt wurden. Auch die Sportschau hat heute eine Statistik veröffentlicht, allerdings ohne die einzelnen Entscheidungen aufzulisten. Die Zahlen gleichen sich bis auf eine Position: Statt neun aberkannten Toren hat die Sportschau deren elf gezählt (dafür fehlt bei ihr der nachträglich anerkannte Treffer im Spiel Dortmund – Köln). Sollte jemand also feststellen, dass in der uns zur Verfügung gestellten Tabelle etwas ausgelassen wurde, bitten wir um Nachricht in der Kommentarspalte. Eine PDF-Version der Tabelle findet sich hier.

Update 20. Dezember 2017: Der DFB hat uns seine offiziellen Zahlen geschickt, wobei sie auf dem Stand von vor dem 17. Spieltag sind, also nach 144 Spielen. Die Aktualisierung erfolgt auf einer Pressekonferenz am 11. Januar 2018.

  • Insgesamt 986 überprüfte Situationen (403 Tore, 318 [potenzielle] Elfmeter, 265 [potenzielle] Rote Karten)
  • 709 Silent Checks (keine Kommunikation VA–SR)
  • 230 Checks (Kommunikation und Bestätigung der Entscheidung)
  • 47 Empfehlungen der Entscheidungsumkehr durch den VA
  • 44 Änderungen der Entscheidung, davon 34 korrekt
  • 3 beibehaltene Entscheidungen, davon 2 korrekt
  • Ca. 7 überprüfte Situationen pro Spiel
  • Ca. 1,6 Checks pro Spiel
  • Ca. 0,3 Empfehlungen zur Entscheidungsumkehr pro Spiel
  • 36 verhinderte Fehlentscheidungen durch den VA
  • Eine Entscheidungsumkehr alle 3 Spiele

Das dürfte nach dem Abschluss der Hinrunde auf offiziell 50 Empfehlungen der Entscheidungsumkehr durch den VA hinauslaufen (und auf 47 Änderungen), denn am 17. Spieltag gab es deren drei (1. zurückgenommener Strafstoß bei Augsburg – Freiburg, 2. nachträglich gegebener Strafstoß bei Stuttgart – Bayern, 3. nachträglich gegebener Strafstoß bei Hannover – Leverkusen).

CE89 – Gravierend grau


Turbulente Zeiten für das Schiedsrichterwesen hierzulande: Eine Ethikkommission unterbreitet in erstaunlicher Geschwindigkeit Vorschläge für eine Lösung des »Schiri-Streits« zwischen Manuel Gräfe, Hellmut Krug und Herbert Fandel; der DFB nimmt eine Kurskorrektur beim Videobeweis vor und informiert die Klubs (sowie seinen eigenen Präsidenten) darüber erst viel später, kassiert dann sein eigenes Papier dazu und gerät vehement in die Kritik; eine Boulevardzeitung erhebt Manipulationsvorwürfe gegen Hellmut Krug, der schließlich als Projektleiter für den Videobeweis abgesetzt wird. An allen Ecken und Enden fehlt es an Transparenz, doch das soll jetzt endlich besser werden. Und auch das Fundament für den Videobeweis soll sich stabilisieren. Wir arbeiten alles chronologisch auf, stellen die Assistenten der Assistenten vor, räsonieren über den Videobeweis und beantworten viele Hörerfragen.
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Links: »Wie Schiedsrichter verpfiffen werden« von Oliver Fritsch (Zeit Online, 30.01.2015) — Interview mit Manuel Gräfe (Tagesspiegel, 20.08.2017) — Persönliche Erklärung von Manuel Gräfe nach dem Krisentreffen in Frankfurt (17.10.2017) — Erklärung des DFB zu den Briefen an die Bundesligaklubs (03.11.2017) — Erklärung des DFB zu den Vorschlägen der Ethikkommission (03.11.2017) — Erklärung des DFB zur Neubesetzung der Projektleitung für den Videobeweis (06.11.2017) — Erklärung der DFL mit dem Vorschlag zur Neuordnung des Schiedsrichterwesens (07.11.2017) — »Wie man den Videobeweis retten kann« von Tobias Escher (spielverlagerung.de, 06.11.2017) — »Manipulation, Machtmissbrauch, Mobbing?« von Alex Feuerherdt (n-tv.de, 24.10.2017) — Das offizielle Regelheft des DFB — Die Kolumnen von Collinas Erben auf n-tv.de — Collinas Erben bei Twitter und bei Facebook

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CE88 – Blindes Vertrauen


Haben wir geglaubt, dass dank des Videobeweises künftig kaum noch über Schiedsrichter-Entscheidungen diskutiert und damit auch unser Podcast zunehmend überflüssig werden wird? Dann haben wir uns wohl geirrt. Denn bislang wurde an jedem Spieltag in dieser Saison rege, manchmal hitzig und immer kontrovers über diese Neuerung debattiert, räsoniert, gestritten. Was ist denn nun eigentlich ein klarer Fehler, der den Video-Assistenten ins Spiel bringt und den Unparteiischen zu einer Änderung veranlasst? Wo verläuft die Grenze? Und warum gehen die Referees seit dem sechsten, siebten Spieltag so oft in die Review Area am Spielfeldrand, um sich strittige Szenen selbst noch einmal anzusehen – wo es doch ursprünglich hieß, das solle nur in Ausnahmefällen geschehen? Wir versuchen uns an einer Aufklärung (und Versachlichung), resümieren, wie es bislang mit dem Videobeweis lief, und analysieren seine Einsätze. Außerdem blicken wir auf das Bundesliga-Debüt von Bibiana Steinhaus zurück und erklären, warum ein Elfmeter zurückgenommen wird, wenn im Publikum jemand in eine Trillerpfeife bläst.
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Kapitelmarken: Diesmal leider keine, sonst hätte die Veröffentlichung noch länger auf sich warten lassen. (Sobald wir dazu kommen, tragen wir sie nach.)

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CE87 – Calibrare, calibrare


Der Videobeweis ist da! Zwar handelt es sich offiziell nur um einen Test, aber kein Mensch glaubt, dass er anschließend wieder abgeschafft wird. Beim Confed Cup stotterte und rumpelte es allerdings noch gewaltig, das soll in der Bundesliga anders werden. Der Auftakt beim Supercup-Finale verlief jedoch auch nicht gänzlich reibungslos, was aber nichts mit menschlichem Versagen zu tun hatte, sondern mit den Tücken der Technik. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu dieser Neuerung und haben dazu auch Interviews geführt, unter anderem mit dem Bundesliga-Schiedsrichter Sascha Stegemann. Doch bevor wir dazu kommen, diskutieren wir darüber, was Franck Ribéry eigentlich an den Schnürsenkeln von Bibiana Steinhaus zu suchen hatte und wie Steinhaus' Reaktion darauf einzuschätzen ist.
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Links: Bei einem Landesligaspiel in Württemberg hat ein Zuschauer den Ball von der Torlinie geschlagen — Eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte zum Thema Videobeweis von uns für n-tv.de — Das offizielle Regelheft des DFB — Die Kolumnen von Collinas Erben auf n-tv.de — Collinas Erben bei Twitter und bei Facebook

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CE86 – Come back stronger!


Nach – examensbedingter – langer Pause melden wir uns mit einer neuen Episode zurück und lassen ausführlich die vergangene Spielzeit in Bundesliga und Champions League Paroli laufen, wie Horst Hrubesch sagen würde. Dabei geht es unter anderem um die Schwalbe der Saison, einen Blackout, den Zorn führender Fußballfunktionäre, das leidige Thema Nachspielzeit, viel Handarbeit und eine etwas unglückliche Ansetzung, die aber gut gegangen ist. Außerdem sprechen wir darüber, welche Referees besonders überzeugt haben, und resümieren einen ganz besonderen Workshop.
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Links: Im Saisonrückblick des Rasenfunk Royal geht es erneut auch um die Schiedsrichter — Das Tribünengespräch des Rasenfunks zu Rasenballsport Leipzig — In der neuen Ausgabe der Zeitung des Gymnasiums Lerchenfeld in Hamburg findet sch auch ein Interview mit Alex — Das offizielle Regelheft des DFB — Die Kolumnen von Collinas Erben auf n-tv.de — Collinas Erben bei Twitter und bei Facebook

Kapitelmarken: Diesmal leider nur manuell. 0:00 Fredi Bobic echauffiert sich, Markus Merk nordet ihn ein — 6:00 Ein paar Basics zum Videobeweis — 11:10 Der große Bundesliga-Rückblick, u.a. mit Timo Werners Schwalbe, Christian Dingerts Selbstkritik, Gelb-Rot für Marco Reus, einer besonders langen Nachspielzeit in Berlin, einem Hand-Tor von Lars Stindl, dem Duell zwischen Ousmane Dembélé und Mitchell Weiser und einem übereifrigen Maskottchen — 1:29:30 Versuch eines Saisonfazits und eines Ausblicks aus der Schiedsrichterperspektive — 2:02:15 Rückblick auf die Champions League: FC Barcelona – Paris St. Germain (Schiedsrichter: Deniz Aytekin), Real Madrid – FC Bayern (Viktor Kassai) und Juventus Turin – Real Madrid (Felix Brych) — 2:39:00 Alex beim Schiedsrichter-Workshop an einem Hamburger Gymnasium — 2:44:30 Zum Schluss

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Ein flitzsauberer Treffer

Ein Tor der ganz besonders kuriosen Art fiel in der honduranischen Erstligapartie zwischen Olimpia und Motagua: Die Gastgeber erzielten in der Nachspielzeit den Treffer zum 2:2 (im Video ab etwa 1:50 zu sehen), dabei befand sich ein junger Zuschauer auf dem Platz, der mit einem zweiten Ball am Fuß durch den Strafraum der Gäste dribbelte und ihn Sekundenbruchteile nach dem Torschuss ebenfalls ins Gehäuse von Motagua schob. Der Schiedsrichter gab das Tor trotzdem, was nicht nur die 11 Freunde in Erstaunen versetzte. Klären wir also auf, ob der Unparteiische richtig gehandelt hat. Dazu ist ein Blick ins Regelwerk unerlässlich. Dort heißt es in der Regel 3 (Spieler) unter dem Punkt »Erzielen eines Tors mit einer zusätzlichen Person auf dem Spielfeld«:

Wenn der Schiedsrichter nach dem Erzielen eines Tors und vor der Fortsetzung feststellt, dass sich eine zusätzliche Person auf dem Spielfeld befand, als das Tor erzielt wurde,
— gibt der Schiedsrichter den Treffer nicht, wenn die zusätzliche Person […] eine Drittperson ist, die ins Spiel eingegriffen hat, es sei denn, der Ball geht unabhängig vom Eingriff in das Tor […]
— gibt der Schiedsrichter den Treffer, wenn die zusätzliche Person […] eine Drittperson ist, die nicht ins Spiel eingegriffen hat.

Das heißt also zunächst einmal: Fällt ein Tor, wenn sich eine Drittperson (dazu zählen beispielsweise Zuschauer und Ordner) auf dem Platz aufhält, bedeutet das nicht automatisch, dass der Treffer annulliert werden muss. Es kommt vielmehr darauf an, ob die Drittperson ins Spiel eingegriffen und dabei außerdem die Torerzielung beeinflusst hat. In diesem Zusammenhang ist eine weitere Ausführung von Bedeutung, die ebenfalls in der Regel 3 zu finden ist, nämlich unter dem Punkt »Zusätzliche Personen auf dem Spielfeld«:

Wenn der Ball unabhängig vom Eingriff [hier: der Drittperson] ins Tor geht und kein Spieler des verteidigenden Teams am Spielen des Balls gehindert wurde, zählt der Treffer (selbst wenn es zu einem Kontakt mit dem Ball gekommen ist).

Das bedeutet beispielsweise: Selbst wenn ein Zuschauer auf der Torlinie steht und den Ball, der eindeutig ins leere Tor gehen würde, zu klären versucht, ihn jedoch nur noch abfälschen kann, ist der Treffer gültig. Hindert dieser Zuschauer jedoch Spieler der verteidigenden Mannschaft (wozu natürlich auch der Torwart zählt) in irgendeiner Weise am Spielen des Balles, dann zählt das Tor nicht, und es gibt einen Schiedsrichter-Ball.

In Bezug auf die Partie in Honduras wäre also zu fragen: Hat der Zuschauer einen Spieler von Motagua am Spielen des Balles gehindert? Nun, die Abwehrspieler wirken von seiner Präsenz jedenfalls unbeeindruckt, und auch der Keeper hätte wohl so oder so keine Chance gehabt, den Einschlag zu verhindern. Aber was ist mit dem zweiten Ball, den der Zuschauer mit auf den Rasen brachte und schließlich aufs Tor kickte? Dazu heißt es in der Regel 5 (Schiedsrichter) unter dem Punkt »Eingriffe von außen«:

[Wenn] bei laufendem Spiel ein zweiter Ball, ein anderes Objekt oder ein Tier aufs Spielfeld gelangt, so muss der Schiedsrichter das Spiel nur dann unterbrechen und mit einem Schiedsrichter-Ball fortsetzen, wenn das Spielgeschehen gestört wurde. Wenn der Ball unabhängig vom Eingriff ins Tor geht und der Eingriff keinen verteidigenden Spieler am Spielen des Balls gehindert hat, zählt der Treffer (selbst bei einem Kontakt mit dem Ball).

Wurde das Spielgeschehen durch den zweiten Ball gestört oder ein verteidigender Spieler am Spielen des Balles gehindert? Siehe oben. Es ändert sich also nichts am Sachverhalt. Und deshalb hat der Referee das Tor tatsächlich zu Recht gegeben.

Die Tatsachenentscheidung – ein Relikt von vorgestern?

Nach den vergangenen Spieltagen in der Bundesliga wird das Prinzip der Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters verschiedentlich infrage gestellt – nicht zum ersten Mal. Ist es tatsächlich unzeitgemäß geworden? Worauf basiert es eigentlich? Und inwieweit wird es durch den Videobeweis beeinflusst?

Thomas Tuchel hat sich auf einer Pressekonferenz am vergangenen Montag ordentlich in Rage geredet. Es habe einen »schon beinahe tragischen Beigeschmack, wenn wir einen Spieler verlieren und über 50 Minuten in Hoffenheim in Unterzahl spielen, der dann nachweislich nichts getan hat«, sagte der Trainer von Borussia Dortmund mit Blick auf die Gelb-Rote Karte, die Marco Reus bei der Auswärtspartie des BVB im Kraichgau erhalten hatte. Wenn der Spieler dann auch noch gesperrt bleibe, so Tuchel weiter, habe das »auf jeden Fall absurde Züge«. Es fühle sich »für uns ein bisschen so an, als wirst du vom Kaufhausdetektiv beim Ladendiebstahl erwischt, und durch die Kamera stellt sich raus, du hast gar nichts geklaut, gehst dann aber trotzdem eine Woche in den Bau, weil der Detektiv halt gedacht hat, er hat’s gesehen und dann ist das halt so«.

Auch auf zwei andere Fälle aus den vergangenen Wochen ging der Coach ein, nämlich auf die Schwalbe des Leipzigers Timo Werner beim Spiel gegen Schalke 04 am 13. Spieltag, die vom Schiedsrichter unerkannt blieb und in einen Strafstoß für den Aufsteiger nur 20 Sekunden nach dem Anpfiff mündete, sowie auf den ungeahndeten Ellenbogenschlag des Frankfurters David Abraham gegen den Hoffenheimer Sandro Wagner eine Woche später. Tuchel ärgerte sich darüber, »dass Spieler, die eine Schwalbe machen und das nachweislich aufgedeckt wird, dann trotzdem am nächsten Spieltag spielen« und dass »mittlerweile Ellenbogenschläge dazugehören zum Spiel und der Spieler spielt dann trotzdem weiter«. Deshalb sei es absurd, dass sein Team nun für ein Spiel auf Reus verzichten müsse, »wenn jede Kamera beweist, dass er nichts getan hat«.

Tuchels Wutrede war de facto ein Plädoyer gegen die Tatsachenentscheidung, die im Fußball ein so hohes Gut ist, dass sie sogar im Regelwerk festgeschrieben wurde, genauer gesagt: in der Regel 5 (»Der Schiedsrichter«). Dort heißt es: »Die Entscheidungen des Schiedsrichters zu Tatsachen im Zusammenhang mit dem Spiel sind endgültig.« Zu diesen Tatsachen gehören beispielsweise die Entscheidung auf »Tor« oder »kein Tor« und das Ergebnis des Spiels, aber auch die Entscheidung, ob ein Foul- oder Handspiel vorliegt, das einen Frei- oder Strafstoß nach sich zieht, sowie die Entscheidung, eine Verwarnung oder einen Feldverweis auszusprechen.

Was diesbezüglich zur Tatsache wird, legt also der Referee fest, und zwar – auch das steht in der Regel 5 – »basierend auf seiner Einschätzung« sowie »nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne der Spielregeln und im ›Geist des Fußballs‹«. Der Terminus »Tatsachenentscheidung« deutet somit, wie es im entsprechenden Wikipedia-Eintrag treffend heißt, »nicht auf eine von niemandem bestrittene, unumstößliche Tatsache [hin], sondern darauf, dass ein dazu Berechtigter etwas als eine Tatsache ansieht, die aber nicht unbedingt so geschehen sein muss.«

Die Wahrheit is‘ aufm Platz – oder etwa nicht?

Aus alledem folgt mehrerlei: Der Unparteiische verfügt auf dem Platz über die unumschränkte Macht, er ist gleichsam Polizist, Staatsanwalt und Richter in Personalunion, während die Mannschaften keinerlei Einspruchsrecht haben. Maßgeblich für seine Urteile sind seine Wahrnehmung und seine Einschätzung, die notwendig etwas Subjektives haben, zumal sie beispielsweise vom jeweiligen Standort des Schiedsrichters (und damit von seinem Blickwinkel) und teilweise auch von seiner Regelauslegung, also seinem Ermessen beeinflusst werden, vor allem bei Zweikämpfen und Handspielen, die oftmals keine Frage von Schwarz und Weiß sind, sondern viele Grautöne haben.

Dennoch schafft jede Entscheidung eine unverrückbare Tatsache (auch aus einem Grau wird dann also zwangsläufig Schwarz oder Weiß) und bekommt damit die Weihen des Objektiven. Dass daraus Konflikte resultieren und dass es zu Ungerechtigkeiten kommt, liegt in der Natur der Sache, schon weil Schiedsrichter eben Menschen sind, die auslegungsbedürftige Spielräume unterschiedlich interpretieren und selbstverständlich auch Fehler begehen – insbesondere, wenn sie Geschehnisse in Sekundenbruchteilen beurteilen müssen.

Warum die Tatsachenentscheidung dennoch eine Art heilige Kuh ist, hat wiederum Wikipedia gut auf den Punkt gebracht: »Um das Regelwerk von Sportarten praktisch anwenden zu können, ist es notwendig, dass Entscheidungen von Schiedsrichtern sofort wirksam werden, ohne dass ein Wettkampfteilnehmer dagegen Einspruch erheben kann oder eine Entscheidung nachträglich in irgendeiner Form widerrufen wird.« Oder, um ein Zitat der 2003 verstorbenen Dortmunder Legende Adi Preißler zu zweckentfremden: »Entscheidend is‘ aufm Platz.«

Ausnahmen von der Regel

Wollte man alle Urteilssprüche des Referees unmittelbar auf den Prüfstand stellen, bedürfte das nicht nur eines erheblichen personellen (und technischen) Aufwandes – der im Amateurbereich gar nicht zu leisten wäre –, es würde das Spiel auch ganz erheblich verzögern und zerfasern. Und schüfe man grundsätzliche Einspruchsmöglichkeiten nach dem Abpfiff, dann hätte das eine Verlagerung von Streitigkeiten in die Säle der Spruchkammern und Sportgerichte zur Folge. Niemand wüsste nach dem Ende einer Partie mehr, was Sache ist und Bestand behält. Außerdem würde die Autorität des Schiedsrichters nachhaltig untergraben – mit heftigen Folgen.

Hans E. Lorenz, der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, hat deshalb einmal in einem lesenswerten Interview des Sportportals »Spox« gesagt: »Würde die Sportgerichtsbarkeit, im Bemühen um objektive Gerechtigkeit, jede Schiedsrichterentscheidung annullieren, korrigieren oder verbessern, ginge das an unserer Aufgabe vorbei. Wir sind kein Reparaturbetrieb für falsche Schiedsrichterentscheidungen. […] Wir alle müssen damit leben, dass der Schiedsrichter auch einmal eine falsche Tatsachenentscheidung trifft, bis auf wenige Ausnahmen.« Diese Ausnahmen betreffen vor allem den sogenannten offensichtlichen Irrtum des Unparteiischen, der beispielsweise vorliegt, wenn die Nummer sechs einen Gegner schlägt, der Referee aber die Nummer acht vom Platz stellt. In einem solchen – sehr seltenen – Fall erfolgt normalerweise ein Freispruch.

Eine weitere Ausnahme ist der Regelverstoß, der sich von der falschen Tatsachenentscheidung dadurch unterscheidet, dass der Schiedsrichter eine Begebenheit richtig feststellt, darauf aber die Regeln vorschriftswidrig anwendet. Ein Beispiel: Ein Elfmeter wird verwandelt, doch ein Mitspieler des Schützen war deutlich zu früh in den Strafraum eingedrungen; der Unparteiische stellt das auch fest, ordnet aber nicht die vorgesehene Wiederholung an, sondern spricht dem Gegner einen indirekten Freistoß zu. Mit anderen Worten: Eine falsche Tatsachenentscheidung beruht auf einer falschen Einschätzung (die eine Folge der Wahrnehmung einer Situation durch den Referee ist), ein Regelverstoß auf einer Schwäche bei der Regelkenntnis.

Die Folgen des technischen Fortschritts

Nun lässt sich mit Recht einwenden, dass der Fußball sich im Laufe der Jahrzehnte extrem verändert hat, vor allem im Profibereich. In früheren Jahren hat schon deshalb kaum jemand das Prinzip der Tatsachenentscheidung grundsätzlich infrage gestellt, weil den Schiedsrichtern ohnehin nur selten Fehler zweifelsfrei nachzuweisen waren. Dafür fehlten schlicht die technischen Mittel. Inzwischen ist das bekanntlich vollkommen anders: Jede Spielszene, jede Entscheidung kann aus einer Vielzahl von Kameraperspektiven noch einmal begutachtet werden, in Superzeitlupe, in Standbildern sowie mit Ausschnittvergrößerungen. Und zwar zeitnah.

Das hat mit den Jahren dazu geführt, dass sich die Stimmen derer mehrten, die fragten: Warum bleibt den Unparteiischen verwehrt, was die Fernsehzuschauer – und mittlerweile auch die Fans im Stadion via Smartphone – in Anspruch nehmen können? Weshalb muss eine nachweisliche Fehlentscheidung bestehen bleiben, wenn fast alle außer dem Referee es längst besser wissen? Die FIFA, die UEFA, das IFAB und viele nationale Verbände haben darauf reagiert, indem sie erst die Schiedsrichter-Teams mit Vierten Offiziellen und Torrichtern verstärkten – mehr Augen sehen schließlich mehr – und dann die Technik Einzug halten ließen: Erst kam die Torlinientechnologie, nun wird der Videobeweis getestet.

Die Tatsachenentscheidung als solche wird dadurch nicht angetastet (ob das auch für die Autorität des Spielleiters auf dem Feld gilt, bleibt abzuwarten), denn das letzte Wort behält der Schiedsrichter. Nach Elfmeterentscheidungen (und strafstoßverdächtigen Szenen), Roten Karten (und platzverweisverdächtigen Situationen) und Toren sowie bei einer drohenden Spielerverwechslung im Zuge von persönlichen Strafen unterstützt ihn dort, wo der Videobeweis eingesetzt wird, ein Video-Assistent. Die endgültige Entscheidung trifft aber weiterhin der Referee selbst. Korrigiert werden dürfen nur, so steht es in den Richtlinien des IFAB für den Videobeweis, unzweifelhaft – also unauslegbar – falsche Entscheidungen.

Bezogen auf die von Thomas Tuchel angeführten Beispiele hieße das: Die »Schwalbe« von Timo Werner wäre durch den Videobeweis aufgedeckt worden, den Strafstoß für RB Leipzig hätte der Unparteiische anschließend zurückgenommen. Der Ellenbogenschlag von David Abraham hätte zu einer Roten Karte geführt. Marco Reus dagegen hätte die Videotechnik nichts genützt, denn sie kommt nur bei »glatt« Roten Karten zum Einsatz, nicht aber bei Gelb-Roten (was nicht so bleiben muss). Abgesehen davon lag in diesem Fall auch keine eindeutig falsche Entscheidung vor, denn wie man den körperbetonten Zweikampf zwischen Reus und Nadiem Amiri bewertet, ist letztlich eine Auslegungssache. Deshalb wäre für den Fall, dass eine solche Tatsachenentscheidung vor dem Sportgericht angefochten werden könnte, ein Freispruch auch keineswegs ausgemacht.

Die Auswirkungen auf den Amateurbereich

Ungeachtet dessen stellt sich die Frage, ob die Tatsachenentscheidung tatsächlich, wie Rainer Franzke in der Printausgabe des »Kicker« vom 12. Dezember 2016 fand, »ein Relikt von vorgestern« ist. In der Bundesliga soll die für 2017/18 geplante Einführung des Videobeweises dafür sorgen, dass klare Fehler der Schiedsrichter – also falsche Tatsachenentscheidungen – mit potenziell spielveränderndem oder gar spielentscheidendem Charakter umgehend korrigiert werden. Über die Frage, was als klar anzusehen ist, dürfte es gleichwohl bisweilen heftige Diskussionen geben (womöglich sogar in den Schiedsrichter-Teams selbst). Da hülfe aber auch keine übergeordnete Instanz inhaltlich weiter.

Auf den Amateurbereich hätte eine Aufweichung oder gar Abschaffung des Prinzips der Tatsachenentscheidung – die es nur über einen massiven Eingriff ins Regelwerk geben könnte – dramatische Auswirkungen. Böte man dort die Möglichkeit zu umfassenden Einsprüchen gegen die Entscheidungen des Schiedsrichters – etwa auf der Grundlage von Amateurvideos –, dann zöge das eine wahre Flut von Spruchkammersitzungen nach sich. Man könnte davon ausgehen, dass zahlreiche Unparteiische sich das nicht lange antun würden und dass neue Schiedsrichter deshalb noch schwerer zu gewinnen wären, als das jetzt schon der Fall ist. Nicht zuletzt aus diesen Gründen ist kaum anzunehmen, dass das IFAB am Prinzip der Tatsachenentscheidung rühren wird. Und das ist auch gut so.

Es wird interessant zu beobachten sein, ob die Einführung des Videobeweises die Kluft zwischen dem bezahlten und dem Amateurfußball weiter vertiefen und diesem Sport damit noch mehr von seinem egalitären Moment nehmen wird. Im höchstklassigen Profibereich wird er die unter Beschuss geratene Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters vermutlich wieder stärken, weil er zeitnahe Korrekturmöglichkeiten eröffnet. Bei den Amateuren, aber auch schon unterhalb der jeweils obersten Liga wird es diese Möglichkeit dagegen nicht geben, was die Unparteiischen noch mehr unter Druck setzen dürfte – und den Ruf laut werden lassen könnte, wenigstens nach dem Spiel Einspruchsoptionen zu eröffnen. Zumindest aus der Schiedsrichterperspektive kann man deshalb nur hoffen, dass das IFAB standhaft und die Wahrheit grundsätzlich aufm Platz bleibt.