#Link11: Kronen der Geckenhaftigkeit

Früher war alles besser.

Die Gesichter waren von Wind und Wetter gegerbt, NSU war noch ein Autohersteller und die südamerikanischen Militärdiktaturen folterten in den Stadien Menschen. Keiner der heutigen Spieler bei U21-EM, Copa America oder Frauen-WM existierte, überhaupt spielten Frauen nicht Fußball. Torhüter wechselten selten, ihnen wurden Tankstellen zur Pacht beschafft oder sie blieben gleich über die gesamte Karriere beim selben Verein. Ein Nierentumor endete meist mit dem Tod. Spieler wurden anhand von Hörensagen und auf Empfehlung verpflichtet, niemand wusste, was »erfolgsgewichtete Defensivaktionen pro 90« sind. Kein Aufsteiger kassierte 64 Millionen Fernsehgelder, die Krassheit des Außenseitertums war kein Marketingslogan, in dem man sich gegenseitig jährlich überbot.

Lang ist’s her.

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1. Dirk Gieselmann schreibt bei 11Freunde über ländlichen Amateurfußball und einige Aspekte seine Ausprägungen von 1970 und heute.

Heute stehen dort Männer, die so alt sind wie Hasso, Harald und Dieter, aber im Vergleich wie Kinder aussehen, weil sie nicht gezeichnet sind von der harten Feldarbeit und den harten Frühschoppen. Sie heißen Marlon, Sebastian und Kevin, sind Mechatroniker, Programmierer, Agrarwirte und gehen mit ihrer Spielerfrau gern mal in die Sauna. Sie tragen bunte Schuhe, Lackfrisuren, die wie Kronen der Geckenhaftigkeit auf ihren bübischen Köpfen sitzen, Trikots von Barca, Chelsea, Juve, und vor ihnen liegt der gleiche Ball, den Mario Götze in Rio zum 1:0 ins Tor schoss, vor kurzem, im Sommer 2014.

Ich will nicht viele Worte machen: Ich lege jedem #Link11-Leser die Lektüre dieses Textes ans Herz. Er ist schlichtweg großartig.

2. Auch der Profifußball war zu Beginn der Siebziger noch ein anderer. Die Rheinische Post stellt die Formalitäten bei Günter Netzers Wechsel zu Real Madrid 1973 vor. Heinz Geldermann (Twitter) hat gar Schriftstücke zum gescheiterten Wechsel Bert Trautmanns zu Schalke aus dem Jahr 1952 abfotografiert.

3. Deutliche Veränderungen seit den Siebzigern hat es auch beim Fußball der Frauen gegeben. Eines blieb über die Jahre aber immer gleich: Sie haben eigentlich keine Ahnung von Fußball. Eine Reportage des norwegischen Fernsehens zeigt, wie schlimm es wirklich ist. Zu den Grundkompetenzen, die jede WM-Spielerin beherrschen sollte, gehört das Verschränken der Arme. Slate ruft wie schon letztes Jahr bei den Herren den »World Cup of Arm-Folding« aus und bewertet anhand von Kriterien wie Fingerposition, Geschwindigkeit und Gesichtsausdruck.

4. Die bereits vorgestellte norwegische Mannschaft schied gestern folgerichtig aus dem Turnier aus und sicherte den deutschen Damen damit die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 2016. Aus Daniel Meurens Sicht (FAZ) machen sich Kontinuität und Vertrauen in Silvia Neid bezahlt. Der Guardian vergleicht das Zuschauerinteresse an der Frauen-WM in UK und US. Becky Carlson (Awful Announcing) schreibt sich mitreißend in Rage über die Kriterien, anhand derer FOX Abby Wambach nicht als »Gesicht des Frauenfußballs« anzuerkennen scheint. Die USA erreichten derweil das Viertelfinale (SZ).

5. In Chile hat Brasilien trotz der Niederlage gegen Kolumbien seine Gruppe bei der Copa America gewonnen. Spielverlagerung blickt auf die Spieltage zwei und drei der Brasilianer zurück. Mit Blick auf die Gastgeber singt Jonathan Wilson (WhoScored) ein Loblied auf die Zentrale aus Díaz und Aránguiz.

6. In Tschechien trifft die deutsche U21-Auswahl heute auf den Gastgeber. Stefan Osterhaus (Tagesspiegel) hebt den Leadertyp im zentralen Mittelfeld, eine große Nachwuchshoffnung des deutschen Fußballs, hervor: Emre Can sei »ein Typ wie Sami Khedira«. Auch sein Nebenmann Joshua Kimmich wird gewürdigt. Weiter vorne haben sich Kevin Volland und Amin Younes lobende Portraits in der SZ erspielt.

7. Mit Sven Ulreich verlässt einmal mehr ein Eigengewächs den VfB Stuttgart. Dennoch mag er sich nicht so recht einreihen bei Gomez, Khedira oder Leno, die teurer verkauft und schmerzlicher vermisst wurden. Trotzdem ist seine Geschichte beim VfB neben der eines Torhüters und Nachwuchsspielers auch die einer Transferpolitik. Heinz Kamke erzählt sie.

8. Die aktuelle Stuttgarter Transferpolitik des Sommers ist Thema bei Goldmann saxt. In Köln wurde der besondere Transfer von Philipp Hosiner mit einem halben Jahr Verspätung doch noch durchgeführt, Effzeh.com schreibt über die speziellen Begleitumstände bei der Verpflichtung von Stögers einstigem Wiener Schützling.

9. Beim FC Bayern muss auf den Zahn der Zeit, der an der Truppe nagt, reagiert werden. Rene Maric (Spielverlagerung) ruft den FC Bayern Moneyball ins Leben und hat sich durch Berge von Statistiken gewälzt, um potenzielle Neuzugänge zu analysieren und vorzustellen.

10. Die kleinen Bundesligaaufsteiger Fürth, Braunschweig und Paderborn nutzten ihre Ausflüge in die Oberklasse zuletzt dazu, ohne allzu stark gestiegene Ausgaben die zusätzlichen Einnahmen einer Bundesligasaison abzugreifen und sich dann wieder zu verabschieden. Dass es auch anders geht, zeigt Cardiff City in England. Trotz um 60 Millionen Pfund höherer Fernsehgelder als in der zweiten Liga erwirtschafteten sie in ihrer ersten und bis auf Weiteres einzigen Premier-League-Saison einen achtstelligen Verlust. The Swiss Ramble hat sich mit den Zahlen auseinandergesetzt.

11.

Neun Jahre kickte ich in der Jugend der SG Dietzenbach, von der E-Jugend an bis zur A-Jugend. Zwei Mal die Woche Training, am Wochenende dann das Spiel. Viele von uns hielten lange durch, andere hat der Tod von der Straße gefegt. Kai wurde von einem LKW zermalmt, Christof ist unweit der Sportplatzes an einem Baum gelandet, Martin und sein Motorrad gingen zusammen kaputt, Peer wurde Fasching zum Verhängnis, sein VW landete in der Windschutzscheibe eines LKWs. Später kickte ich mit meinem Nachbar Axel in Steinberg. Auf dessen Beerdigung stand ich neulich auch.

Wie der erste Text der heutigen #Link11 blickt auch der letzte zurück in die Vergangenheit. Dieser: persönlicher, eindringlicher, rührender. Er ist schon mehr als zwei Wochen alt und beim Durchsehen der entsprechenden #Link11 wurde sofort klar, wem er damals durchgerutscht ist: mir. Ich bitte um Verzeihung und verlinke sehr gerne: Beves Welt – »Damals bei der SG«

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Inside11 – »Die U21-Nationalelf – Fluch oder Segen?«

Field Reporter

Unser Ziel kann es nicht sein, wieder in die zweite Liga abzusteigen, aber wenigstens Geld dorthin mitzunehmen. Wir haben jetzt ein Jahr erste Liga vor uns, und dieses Jahr wollen wir auch ein bisschen genießen. Klar, rein logisch gedacht, rein realistisch gesehen, sind wir in der nächsten Saison wieder Zweitligist, aber ganz Ähnliches hatte man uns letzte Saison auch gesagt: Rein logisch gesehen, werdet ihr wieder in die dritte Liga absteigen.

Dirk Schuster, Trainer von Darmstadt 98, will weder Paderborn noch Cardiff nacheifern, sondern am liebsten weder viel Geld ausgeben noch absteigen. (FAZ)

Mixed Zone
Sprecherkabinen: Das Kommentatorenblog mit den Ansetzungen + + + Nürnberg: Was man angesichts des FCI und FCA beim FCN eigentlich sagen müsste (Clubfans United) + + + Temuco: Kolumbien–Peru bei der Copa America. Aus der Bundesliga mit dabei: Zambrano, Advincula, Pizarro, Guerrero (Spielverlagerung.de) + + + Santiago: Chile–Bolivien mit Marcelo Diaz und Arturo Vidal (Spielverlagerung.com) Schalke: Mit Geis nie kein Sieg, Tim! (kicker) + + + Schalke: Kandidaten für den Aufsichtsrat stellen sich vor (Westline) + + + Münster: Bizarres Missverständnis um Seinsch und Stadion (Westline) + + + 2022: Gegen den Ball sinniert über einen WM-Kader für Katar und nominiert im Zweifel Bremer + + + München: Der »komplizierteste Fußballverein der Welt« beim Trainingsauftakt (SZ) + + + Doping: Neuregelung der Kontrollen wirft Fragen auf (Fussballdoping) + + +

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