Tor 6: A.C. Mezzocorona – A.S. Fersina Perginese

adventskalenderDurch die Recherche für die #Link11 für dieses Fußballmagazin kommen einem viele Fußballtexte unter. Überraschend wenig Schlechte, viel Lesenswertes und einige Herausragende. Bei einigen Schreibenden wünscht man sich dann insgeheim, dass sie öfter über Fußball schreiben würden. Wenn sie dann von sich aus nichts unternehmen, muss man sie als Autorin für den Adventskalender werben und darf sich über eine Zusage und einen tollen Text freuen.

Lisi Moosmann – Österreicherin mit einer Vorliebe für Tottenham, Schwärmereien für Inter Mailand und einem Gespür für das richtige Spiel in Italiens Liga 4:

Ich hatte, seit ich vor fast 20 Jahren zum Fußballfan wurde, immer wieder Phasen, in denen ich das Gefühl der Übersättigung hatte.

Besonders nach einer Welt- oder Europameisterschaft. Mehrwöchiger Intensivfußballkonsum aus der Perspektive der unbeteiligten Beobachterin erzeugte Völlegefühl bei mir. Ich verbrachte dann die Sommerpause fußballfrei, ignorierte Vorbereitungsspiele und Transferklatsch. Spätestens zum ersten Spiel des Tottenham Hotspur F.C., meines Lieblingsvereines seit meiner Kindheit in London, war ich wieder bei Appetit.

Diesen Sommer bemerkte ich aber das unangenehme Völlegefühl erstmals, ohne es auf eine EM oder WM zurückführen zu können.

Eine Erklärung dafür hatte ich nicht.

Vielleicht hatte es damit zu tun, dass ich unmittelbar vor Saisonbeginn umgezogen war, in die norditalienische Provinz, an die Grenze zwischen deutscher und italienischer Sprachregion, und einen neuen Job angetreten hatte. Neue Leute kennenzulernen, neue Aufgaben zu bewältigen, erzeugte vielleicht auch neue, andere, Interessen.  Beeinflusste bisherige Gewohnheiten.

Ich verfolgte zwar die Ligaspiele der Spurs, wenn es sich irgendwie ausging. Und ich schaute samstags die Sportschau. Aber Ligacup- und Europa-Leaguespiele ignorierte ich gänzlich. Länderspiele praktisch auch. An Champions-League-Abenden ging ich mehr wegen der netten Leute als wegen der Spiele in die nahegelegenen Fußballbar. Wenn die Spurs verloren, ärgerte ich mich wohl pflichtschuldig. Aber die – meist unspektakulären 1:0 – Siege nahm ich mehr zur Kenntnis, als dass ich mich darüber freute. Oft ertappte ich mich – bisher vollkommen unüblich für mich – während eines Spieles beim Internetsurfen, Lesen oder Computerspielen.

Ich hatte das Gefühl, das erste Mal in meinem Leben als Erwachsene Fußball als Hobby wahrzunehmen. Nett, aber nicht essentiell. Was war auch schon so wichtig dabei, wie ein Fußballspiel ausging? Warum so viele Emotionen und so viel Zeit in etwas investieren, ohne dafür irgendetwas Handfestes zu bekommen? Und Sieg oder Niederlage, was soll´s?

Vor einigen Tagen lernte ich dann in einer Bar Luca kennen. Er war, wie die meisten Leute in der Gegend hier, Juventus-Tifoso. Ich habe aufgrund einiger in der Umgebung von Mailand verbrachter Jahre eine Affinität zum F.C. Internazionale, des historisch wichtigsten Rivalen von Juventus Turin.

Lächelnd fragte er mich – in Anspielung auf die Inter-Vereinshymne „Pazza Inter amala“ – „Sei pazza?“ (Bist du narrisch?). Wir summten gemeinsam den Refrain dieses Liedes vor uns hin, und begannen, uns über Fußball zu unterhalten. Er jammerte über die Kommerzialisierung und fürchtete, dass Juventus die Namensrechte am neuerbauten Stadion an irgendeinen Scheich aus Dubai verkaufen würde.

Und ich begann zu erklären, dass ich das Gefühl hätte, meine Fußballliebe kühle ab. Wir verfielen alkoholinduziert in ein Früher-war-alles-besser-Gespräch und waren kurz davor, Weisheiten a la „das Spiel hat seine Seele verloren und das moderne Leben auch“ zu verlautbaren. Bevor wir dazu kommen konnten, uns die 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückzuwünschen und uns zustimmend Sepp-Herberger bzw. Victorio-Pozzo-Zitate um die Ohren zu werfen, trat ein Mann zu uns an den Tisch und begrüßte Luca.

Der Mann war Lucas Bruder Fabio, ein Spieler beim Serie-D-Club AS Fersina Perginese aus dem Nachbarort. Dieser Verein war, wie mir erklärt wurde, abgeschlagen Tabellenletzter. Fabio setzte sich zu uns, wir plauderten, er trank keinen Alkohol, sondern nippte seriös-sportlich an einem Mineralwasser. Wir klagten weiter über das Millionengeschäft Fußball. Fabio lachte und sagte, ich solle doch am Sonntag zum Spiel seiner Mannschaft in Mezzocorona kommen. Er könne mir garantieren, dass mich weder Kommerz noch Millionen stören würden.

Ich sagte zu.

Am nächsten Tag, als ich ein SMS von Luca erhielt, in dem er mich um meine Adresse bat, um mich abholen zu können, wurde mir klar, dass das Viertligaspiel zeitgleich mit dem Spiel der Spurs bei Manchester City stattfand. Üblicherweise wäre das ein Grund für mich gewesen, abzusagen. Aber ich entschloss mich, auf die Spurs und die zu erwartende 0:1-Niederlage zugunsten eines Viertligaderbys zu verzichten.

Ich stand also am Mittag eines kalten, unwirtlichen Novembersonntages vor der Haustür und wartete darauf, dass Luca mich abholte.  Ein Kleinbus, der an der gegenüberliegenden Straßenseite stehen geblieben war, hupte mich an. Luca lenkte den Bus. Außer ihm saßen noch etwa 15 weitere Personen unterschiedlichsten Alters im Bus. Alle winkten mir zu.

Ich ging über die Straße und stieg durch die geöffnete Tür in den Bus und setzte mich neben eine elegante ältere Frau, offenbar Fabios und Lucas Mama. Die Umsitzenden wurden mir der Reihe nach vorgestellt. Alle waren in irgendeiner Weise miteinander und mit Fabio verwandt oder verschwägert. Und Zuschauer bei jedem Spiel Fabios in weniger als 100km Entfernung.

Ich erhielt von der Mama sofort ein Stück mit Käse überbackener erkalteter Polenta hingehalten, die ich während der kurzen Fahrt zum Sportplatz von Mezzocorona verspeiste, während ich von allen Seiten gleichzeitig auf sympathisch-inquisitorische Weise um die Kurzfassung meiner Lebensgeschichte erleichtert wurde.

Luca parkte den Bus vor dem „Stadion“. Wir marschierten zum Einlass, wobei zwei ältere Onkel Klappstühle für ihre Gattinnen mit sich trugen, während drei junge Männer mit Weinflaschen, Gläsern und Essen gefüllte Körbe mitschleiften.

Eintrittskarten schienen nicht erforderlich zu sein. Jedenfalls winkte uns der Ordner nach einem kurzen Gespräch mit Luca ohne Kontrolle durch.

Bis Spielbeginn dauerte es noch eine Dreiviertelstunde. Ausreichend Zeit, um den Fabio-Fanclub durch Nahrungszufuhr für das Spiel zu stärken.

Die Mama wies zwei der älteren Herren an, ausreichend Luganeghe – die ortsüblichen Würste – für alle zu beschaffen, während sie die Essensausgabe vorbereitete. Wir standen alle bereits mit einem Glas Rotwein in der einen und einem Pappteller mit kalter Polenta in der anderen Hand da, als die Würste geliefert und verteilt wurden.

Während wir aßen, wurde der älteste anwesende Herr, ein glatzköpfiger, sonnengebräunter 70-jähriger, von der Mama ermuntert, uns mit den wichtigsten Vorinformationen zum Spiel zu versorgen, die ihm offenbar zuvor von Fabio telefonisch durchgegeben worden waren.

Optimismus sei berechtigt, man werde mit einer defensiven Dreierkette antreten und so für den Gegner, dessen Trainer taktisch unbeholfen sei, überraschend ein Übergewicht im Mittelfeld schaffen.

Nach einem zu erwartenden Abnützungskampf, in dem es lange 0:0 stehen würde, werde der Gegner durch Druck der eigenen Fans gezwungen, die Defensive zu öffnen. Und dann in der letzten Spielviertelstunde durch Einwechslung eines frischen Stürmers, der das entscheidende Tor erzielen werde, besiegt.

Dann gab er die Aufstellung bekannt, Fabio spielte, ansonsten ergaben sich für mich keine weiteren Aufschlüsse.

Inzwischen hatten sich wohl um die 350 Leute um das Spielfeld versammelt.

Die Mannschaften betraten das Feld.

Die Familie bejubelte Fabios Mannschaft ausgiebig, dann ging es los.

Plötzlich waren Mama und die Onkel, die vorher unablässig geplappert hatten, still und konzentrierten sich auf das Spiel.

Tatsächlich war eine Dreierkette erkennbar. Fabio war einer der Wingbacks, die plangemäß die Mittelfeldüberlegenheit schaffen hätten sollen, durch den vom Anpfiff an losstürmenden Gegner jedoch faktisch mit den drei Innenverteidigern in eine Fünferkette gepresst wurden.

Die ersten paar Minuten war Fabios Mannschaft ausschließlich mit Abwehrarbeit beschäftigt, der Ball erreichte die gegnerische Hälfte nie.

Bis etwa in der 5. Minute der andere Flügelspieler den Ball auf Höhe der Mittellinie abfing, durchlief, den einen Innenverteidiger des Gegners auf sich zog, und in dem Moment, als der andere gegnerische Innenverteidiger stolperte, auf Verdacht auf Strafraumhöhe nach innen flankte, wo inzwischen tatsächlich und – auch für den Gegner – unerwartet einer der beiden Fersina-Stürmer angelangt war, den Ball mit dem Kopf traf und, am gegnerischen Tormann, der unentschlossen auf der Linie stehen geblieben war, vorbei, ins Tor köpfte.

Die Familie Fabios lag sich in den Armen, ein älterer Onkel zog mich an sich. Ich erklärte mir seinen lange anhaltenden und ungewöhnlich intensiven Druck, der insbesondere auf meine Brüste ausgeübt wurde, mit der Freude eines Fans, der seine Mannschaft nach wochenlanger Durststrecke erstmals in Führung gehen sieht.

Die restlichen 85 Spielminuten und 5 Nachspielminuten bestanden aus einer durch wenige Konter unterbrochene Einigelung von Fabios Mannschaft in ihrer eigenen Hälfte, Verwarnungen, sehr vielen taktischen Fouls, einigen Tacklings auf Kniehöhe, die in höheren Ligen zu sofortigen Ausschlüssen geführt hätten, wenigen Torschüsse, vielen hohen Bällen und riesigem Einsatzwillen beider Teams.

Sie waren also: großartig.

Ich war so vom Spiel gefangen, dass ich nicht einmal auf die Idee kam, auf meinem Handy nachzuschauen, wie denn das Spiel der Spurs in Manchester lief.

Als der Schiedsrichter, der anders als in den höchsten Spielklassen, für seine meist richtigen Entscheidungen von den Spielern beider Seiten nicht kritisiert, sondern mit Respekt behandelt wurde, abpfiff, umarmte mich der Onkel wiederum mit großer Geste und vollem Körpereinsatz. Und Fabios Mama lief auf den Platz, um ihrem Sohn an Ort und Stelle lautstark zu seinem Anteil am Derbytriumph zu gratulieren.

Ein anderer Onkel murmelte glücklich mehrfach. „85 giorni, 85 giorni.“ Offenbar hatte die Mannschaft also seit 85 Tagen nicht gewonnen.

Wir warteten, nachdem die Spieler in die Kabinen duschen gegangen waren, auf Fabio. Während die Mama den restlichen Rotwein ausschenkte, bemerkte ich, dass ich ein SMS von einem englischen Freund erhalten hatte. „City 6, Spurs 0, disaster.“

 Ich steckte das Handy weg. Und stieß mit Luca, dem drückenden Onkel und Lucas Mama an. Auf den Sieg.

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