Tor 5: Sigurwin und die Party-Frauen

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Die Europameisterschaft in Schweden war für die schwedischen Fans ein Highlight. Das Team wurde bei jedem Spiel frenetisch gefeiert und unterstützt. Umso größer war die Enttäuschung nach dem Ausscheiden der Gastgeberinnen. Denkbar knapp musste sich das Team von Pia Sundhage im Halbfinale mit 0:1 den späteren Europameisterinnen aus Deutschland geschlagen geben. Die Deutschen traten dann gegen eine norwegische Mannschaft im Finale an, die nach einem verkorksten Auftakt gegen Island noch den Weg bis ins Endspiel geschafft hatte.
Philipp Eitzinger war für Ballverliebt in Kalmar und nach dem Turnierverlauf wurden die Isländerinnen, ihr Trainer und ein lebendes Maskottchen zu seinem Fußballerlebnis des Jahres 2013:
Nervös stapfte er im dunkelblauen Trainingsanzug in seiner Coaching-Zone auf und ab. Starrte auf den Boden, schob mit dem rechten Fuß noch eine im Weg liegende Trinkflasche zurück unter die Bank. In den Strafraum rechts von ihm zu blicken, das fiel Trainer Siggi Eyjólfsson aber extrem schwer. Weil dort, in der 87. Minute des ersten EM-Spiels seines Teams, Margrét Lára Viðarsdóttir stand, bereit, einen Strafstoß zu schießen. Islands Frauen waren gegen Norwegen nur 0:1 hinten, der erste Punkt für Island überhaupt bei einem Endrunden-Turnier winkte.
Dass es nicht gerade ein glasklarer Elfmeter war – egal. Dass sich Sara Björk Gunnarsdóttir, die diesen herausgeholt hatte, sich schon direkt nach dem Pfiff gefreut hatte, was ja selten ein gutes Zeichen ist – auch nur eine Randnotiz. Viðarsdóttir lief an, platzierte den Ball rechts unten; Norwegens Torfrau Hjelmseth flog in die andere Richtung – 1:1. Eyjólfsson ballte beide Fäuste, auf dem Feld bildete sich eine Jubeltraube aus überwiegend blonden Spielerinnen in blauen Trikots. Wenige Minuten später war das Spiel zu Ende, es war beim 1:1 geblieben.
Das lebende Maskottchen
Rund eine halbe Stunde später tänzelte Fanndís Fridriksdóttir, die rechte Mittelfeldspielerin, in der Mixed Zone an ihren Interviews in die Mikrophone der fünf isländischen und einer Handvoll anderer Journalisten gebenden und dabei lachenden und feixenden Kolleginnen vorbei. Ihre Sporttasche über der rechten Schulter und in der linken Hand ein durchsichtiger Gefrierbeutel, randvoll mit Wasser, in dem ein Goldfisch schwamm. „Sigurwin“, erklärte sie. Das lebende Maskottchen jenes Teams, auf das die Wettanbieter im Vorfeld am wenigsten gegeben hatten. In der Vorbereitung gab es etwa ein 1:6 gegen Schweden und eine Niederlage gegen Schottland, ein Team, das sich nicht einmal qualifiziert hatte. Drei klare Niederlagen und das Vorrunden-Aus schienen vorprogrammiert.
„Ich war beim Elfer definitiv nervöser als meine Spielerinnen“, murmelte Eyjólfsson, ein jugendhafter Trainer, dem man ansieht, dass er noch keine 40 Jahre alt war, nach dem Spiel. Die wilde Horde von der Atlantikinsel nämlich pfiff sich überhaupt nichts. Sah die EM-Endrunde in Schweden als riesige Party. Was die Mannschaft an Glamour am Platz vermissen ließ – biederes 4-4-2, kompakt stehen, schnell kontern – machte sie durch ihre überbordende Freude an ihrem Tun wett.
Und Sigurwin entwickelte sich während des Turniers, das im Frauenfußball-affinen Schweden hervorragend angenommen wurde, zu so etwas wie einem kleinen Medien-Liebling. Wo Island war, war Sigurwin nicht weit. Dass man im zweiten Gruppenspiel gegen den späteren Turniersieger Deutschland chancenlos war und 0:3 verlor, kümmerte auch im gar nicht mal so kleinen Anhang Islands eigentlich kaum jemanden.
Holmfridur, Hallbera und Glodis
Zumal sich für die Isländerinnen, die als einziger Teilnehmer durchgängig ihre für mitteleuropäische Ohren zumeist recht ungewöhnlichen Vornamen auf dem Trikot stehen hatten – also Holmfridur, Hallbera oder Glodis statt Magnusdóttir, Gísladóttir oder Viggósdóttir – dank günstiger Ergebnisse in den anderen Gruppen sogar die Chance bot, mit einem Sieg im letzten Gruppenspiel das Viertelfinal-Ticket zu fixieren.
Tatsächlich entnervte man die Niederländerinnen in der ersten Hälfte mit blitzschnellem Umschalten nach Ballgewinn, hatte zahlreiche gute Chancen und ging mit einem eigentlich zu knappen 1:0 in die Halbzeitpause. Dágny Brynjársdóttir, deren Lebensgefährte zuvor in der Fanzone noch lässig in einer Talk-Runde gesessen war und in eher holprigem Englisch parliert hatte, schloss einen dieser Konter erfolgreich ab. Ehe Oranje den Matchplan etwas adaptierte, Island zunehmend müde wurde und sich auf eine Abwehrschlacht einließ. Es waren lange 45 Minuten für Island. Aber der 1:0-Sieg wurde über die Zeit gezittert, man hatte sich als größter Underdog des Turniers für das Viertelfinale qualifizert. Auf Kosten jener Niederlande, die bei der letzten EM 2009 noch im Halbfinale gestanden hatte.
Sorge um Sigurwin
„Unsere Handball-Herren haben 2008 Olympia-Silber geholt, das sind die größten Sport-Helden unseres Landes“, gab Coach Ejyólfsson zu Protokoll, noch überwältigter als nach dem Punkt zum Auftakt, „aber danach kommen jetzt schon wir!“ Und während Sigurwin diesmal in einem Marmeladenglas voller Wasser vorbeigetragen wurde, grinste Stürmerin Viðarsdóttir: „In unserem Land leben so viele Menschen wie in Berlin in einer Straße – und trotzdem haben wir’s geschafft!“
Geschafft war man dann aber im Viertelfinale gegen Gastgeber Schweden auch recht schnell. In der Sonntag-Nachmittags-Hitze von Halmstad lag Island nach 20 Minuten Island schon 0:3 im Rückstand, am Ende hieß es 0:4, man war von A bis Z chancenlos. Die Reise war vorbei. Und damit vermeintlich auch das Leben von Glücksbringer Sigurwin.
Denn Hallbera Gisladóttir postete nach dem Viertelfinal-Aus ein Foto auf Instagram , auf dem das Marmeladenglas mit Sigurwin zu sehen war, und im Hintergrund eine Toilettenschüssel. „Verfluchter Sigurwin“, schrieb sie, „du geht direkt ins Klo!“ Und dabei machten alle Beobachter einen gravierenden Fehler.
Eine zweite Chance
Sie begannen nun nämlich plötzlich, das Party-Volk aus Island beim Wort zu nehmen. Nach knapp zwei Wochen, in denen der Underdog mit einem ständigen Augenzwinkern durch das Turnier gegangen war, waren nun Tierschutz-Organisationen wie Fans entsetzt: „Das kann man doch nicht machen!“ Das Schicksal von Sigurwin bewegte Schweden wie Island beinahe mehr als das Resultat des früh entschiedenen Viertelfinales.
Bis Hallbera die erlösende Meldung verbreitete: „Wir haben unsere Differenzen ausgeräumt und ihm eine zweite Chance gegeben!“ Mit nach Hause auf die Insel im Nordatlantik kam der Goldfisch dann aber nicht. Der lebt nun in einem Aquarium bei Torfrau Thora Helgadóttir.
In Malmö.

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