Tor 1: Die Schönheit des Ausgespieltwerdens

adventskalenderNicht erst mit seinem wunderbaren Scrollerlebnis zum 68. von Miroslav Klose oder der Geschichte von fairen Griechen und verletzten Rumänen machte er auf sich aufmerksam. Schon vorher waren die Beiträge in seinem Blog von hoher Qualität, so dass man das Magazin Ostderby nur beglückwünschen konnte zum neuen Autoren.

Umso glücklicher sind wir, dass Endreas Müller mit seinem Bolzplatzerlebnis den diesjährigen Adventskalender von Fokus Fussball eröffnet:

Ich schalte den Fernseher ein – es läuft Fußball. Liveübertragungen aus der 3. Liga sind keine Seltenheit mehr und inzwischen stürzt man sich bereits auf den Regionalligafußball, auch weil man dort ungeniert und jederzeit jedermann vor die Kamera zerren darf. Ich sitze vorm Computer – und sehe Fußball. Mit Traumtoren vom anderen Ende der Welt könnte man sich ganze Nächte um die Ohren schlagen und hätte immer noch nicht alle gesehen. Die Möglichkeiten Fußball zu konsumieren, sind unerschöpflich (man denke auch an die vielen lesenswerten Texte, Bücher, spannende Podcasts usw.).

Manchmal kommt es mir so vor, als vergäße ich darüber, selbst auch gegen den Ball zu treten. Es war schon Juli als mir auffiel, dass die lose Gruppe von Freizeitkickern, die sich eigentlich wöchentlich treffen wollte, praktisch nicht mehr existent war. Seit Monaten hatte sich kein Termin ergeben und ich saß fußballtechnisch auf dem Trockenen.

Dabei lag die Lösung doch gleich um die Ecke. Ein Bolzplatz, keine 200 m von meiner Haustür entfernt, auf dem ab und an gekickt wurde. Wie oft war ich schon mit einer Träne im Knopfloch an den dort Spielenden vorbeigelaufen. Meine Schritte verlangsamend starrte ich dann immer aufs Spielfeld und versuchte, ein Muster zu erkennen. Aber immer waren es andere Spieler an anderen Tagen, die sich dort gütlich taten. Als Zugezogener und Facebook-Verweigerer waren meine Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme beschränkt und mit den Einkäufen unterm Arm lässt es sich auch schlecht Fußball spielen. So nah und doch so fern – dieser Bolzplatz um die Ecke. In meiner Verzweiflung hatte ich es sogar mit einem Hilferuf in Form eines spackigen Abreißzettels probiert. Ohne Erfolg.

Auf die Idee, unvermittelt auf dem Bolzplatz aufzutauchen und einfach zu fragen, kam ich erst nach reichlicher Überlegung, was wahrscheinlich mit meiner eher zurückhaltenden Art zu tun hat. Das Ganze musste ich natürlich von langer Hand planen. Als unauffälliger Jogger getarnt würde ich “zufällig” am Bolzplatz vorbeilaufen und dann versuchen, mich unter die Teams zu mischen. Mein erster Versuch scheiterte kläglich. Gerade mal ein wortkarger Jungspund trat lustlos gegen den Ball als ich “zufällig” vorbeikam. Ich sprach ihn trotzdem an. Er warte auf niemanden, sei nicht verabredet und wisse sonst auch nichts Genaues. Schön. Ich beschloss auf Zeit zu spielen, schließlich hatte ich mich extra in Sportsachen geworfen und zwei Stunden Zeit, mit der ich sonst nichts Besseres vorhatte.

Also begab ich mich auf eine Laufrunde, die “zufällig” alle Sportplätze im Umkreis von 2 km tangierte. Alle waren entweder verwaist oder von Pubertierenden bevölkert, die sich an Basketball versuchten. Meine letzte Hoffnung war der Ausgangspunkt meiner Laufstrecke an dem ich “zufällig” noch einmal vorbeikam. Und siehe da: Plötzlich war ein knappes Dutzend Leute auf dem Platz und ich wenige Minuten später auch.

Fußballspielen verlernt man nicht. Hätte ich jetzt am liebsten an dieser Stelle geschrieben und von geschmeidigen Bewegungen, doppelten Doppelpässen, ansehnlichen Dribblings und Außenristhackentoren berichtet. Dem war aber überhaupt nicht so. Erschöpft von meiner Laufeinheit und komplett eingerostet stakste ich über den Platz. Kaum ein Pass fand den Weg zum Mitspieler und meinen Gegnern war es ein Leichtes, an mir vorbei zu spazieren. Mantraartig erzählte ich mir und meinen neuen Teamkollegen was das doch für ein Schweinepass gewesen sei und dass dieses oder jenes Tor auf meine Kappe ginge.

Das Obskure daran – es machte dennoch Spaß. Trotz aller eigenen Unzulänglichkeiten (und der der Mitspieler) machte es unglaublich viel Spaß, endlich wieder auf dem Platz zu stehen und höchstselbst gegen einen Fußball zu treten. Ob man den Fußball, den man im Fernsehen konsumiert noch mit dem vergleichen kann, was man selbst ab und an auf dem Bolzplatz treibt – eher nicht. Gegenpressing, falsche Neun und Fernsehteams sucht man vergebens.

Warum die imperfekte Fußlümmelei nach Feierabend trotzdem Spaß macht? Es mag sich ausgelutscht anhören, aber ich kann an dieser Stelle nur auf die meist inflationär und zur Marketingvokabel verkommene Authentizität verweisen. Nur wenn man selbst spielt, nimmt man jede Kleinigkeit auf dem Platz wahr – die guten und die schlechten Pässe, die verzogenen Fernschüsse aus unmöglichen Entfernungen und Winkeln und die ins Seitenaus hoppelnden Gurkenbälle. Auf dem Bolzplatz sind sie alle zu Hause und hautnah erlebbar. Das gefällt mir und ich kann dabei sogar meinem eigenen Scheitern etwas abgewinnen. Deshalb gebe ich es jetzt offen zu: In manchen Momenten lasse ich mich lieber von einem 19-Jährigen Möchtegern-Dribbelkünstler tunneln, als dass ich Messi und Co. bei der Arbeit zusehe.

Denn wirklich Freude bringt nur, was man selbst tut, auch wenn man danebentritt. So geht es zumindest mir, wenn ich auf dem Platz stehe. Und natürlich fiebere ich insgeheim dieser einen Situation entgegen, in der alles klappt und der Ball zügig durch die eigenen Reihen läuft, um schlussendlich im Tor zu landen. Als laufschwacher Kullerballverteiler mit Abschlussschwäche gelingt es mir relativ selten, an einer solchen Aktion beteiligt zu sein, aber wenn…

Nach 30 Minuten auf dem Platz war ich sensationell aus der Puste. Das würde ich mir nicht mehr entgehen lassen. Und so suchte ich Woche für Woche den Bolzplatz auf – immer am gleichen Tag, immer zu einer ähnlichen Zeit. Ein solches Muster konnte ich bei meinen Mitspielern nicht erkennen, die den Platz allem Anschein nach sehr spontan frequentierten. So kam ich innerhalb weniger Wochen mit so ziemlich jedem Spielertypus in Kontakt. Man soll ja nicht in Stereotypen denken und sicherlich sind wir alle total vielschichtige Individuen, die man auf keinen Fall in eine Schublade stecken sollte, aber auf dem Bolzplatz trifft man sie von Zeit zu Zeit – die Dampfplauderer und Aleinikovs, die vermeintlich verkannten Genies.

Die Wochen verstrichen und der Herbst kündigte sich an. Gift für den Bolzplatz, denn schon bei minimaler Feuchtigkeit eignete sich der Tartanbelag eher für Eiskunstlauf denn irgendeinen anderen Sport. Die früher hereinbrechende Dunkelheit tat ihr Übriges und so war ab Oktober Ende Gelände. So schnell ich dieses Serail des einfachen Fußballs für mich erschlossen hatte, so schnell war es wieder verschwunden. Mehrmals die Woche komme ich “zufällig” am verwaisten Bolzplatz vorbei und freue mich schon darauf, im nächsten Sommer wieder ausgespielt zu werden und den Ball verspringen zu lassen und vielleicht auch mal ein Tor zu schießen.

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Aufgewachsen im schönen Schaumburger Land. Liebt den Sport und schätzt den Großteil seiner Kultur. Lebt als Hörfunkjournalist mit angeschlossenen Blogs in Köln. Google+.

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