Collinas Erben: Textsonderausgabe zum 2. Spieltag


In dieser Woche wird es urlaubsbedingt keine neue Podcastfolge von Collinas Erben geben. Dafür bieten wir eine weitere Textsonderausgabe mit einer Einschätzung der kontrovers diskutierten Entscheidungen des vergangenen Spieltags an. Die erwähnten Szenen sind sämtlich in den Zusammenfassungen zu sehen, zu denen man mit einem Klick auf die jeweilige Spielpaarung gelangt. Fragen zu diesen und anderen, nicht erwähnten Situationen können, wie immer, gerne in der Kommentarspalte gestellt werden.

Eintracht Frankfurt – FC Bayern

»Wenn du so benachteiligt wirst, kannst du nicht gewinnen. Du brauchst auch mal eine richtige Entscheidung«, klagte Frankfurts Trainer Armin Veh nach dem Spiel. »Ein Tor und ein Elfmeter« seien seiner Mannschaft verweigert worden, meinte Eintracht-Angreifer Alex Meier. Und der Vorstandschef des Klubs, Heribert Bruchhagen, zürnte: »Um einen Punkt zu holen, braucht man eine konzentrierte Linienrichter-Leistung.« Der Ärger der Gastgeber drehte sich vor allem um zwei Szenen: einen nicht gegebenen Treffer in der 42. Minute und einen nicht verhängten Foulelfmeter kurz vor Schluss.

Betrachtet man sich das Standbild mit der eingeblendeten Abseitslinie, so liegt tatsächlich der Schluss nahe, dass Alex Meier (oben im Foto) drei Minuten vor der Pause im Moment des Abspiels ganz knapp nicht im Abseits stand, weil Boateng es mit seinem rechten Fuß aufhob (wiewohl das Foto aufgrund der ungünstigen Kameraperspektive keinen hundertprozentig zuverlässigen Aufschluss gibt – es wäre zumindest nicht abwegig zu vermuten, dass Meiers Brust der Torlinie näher war). Gleichwohl ist dem Schiedsrichter-Assistenten kein Vorwurf zu machen, denn zum einen ging es hier maximal um Zentimeter, und zum anderen musste er seine Entscheidung bei gegenläufigen Bewegungen von Boateng und Meier treffen – der eine bewegte sich vom Tor weg, der andere zu ihm hin –, was die Einschätzung besonders kompliziert werden ließ. In solchen Situationen wirkt das Abseits (sofern denn überhaupt eines vorliegt) oft klarer, als es wirklich ist.

Doch selbst wenn sich Alex Meier tatsächlich nicht im Abseits befand, spricht einiges dafür, dass das Tor trotzdem irregulär erzielt wurde. Denn – und darauf wies einzig Markus Merk hin – Meier hatte, wie das zweite Foto zeigt, womöglich auf verbotene Art und Weise die Hand zu Hilfe genommen (ob und inwieweit er unmittelbar zuvor von dem hinter ihm stehenden Mandžukić durch einen leichten Stoß aus dem Gleichgewicht gebracht worden war, lässt sich durch die TV-Bilder nicht eindeutig klären). Mithin wurde gewissermaßen die richtige Entscheidung aus dem falschen Grund getroffen – was im Ergebnis allerdings keinen Unterschied macht: Das Tor wurde wohl zu Recht nicht gegeben.

Die zweite Situation, die die Eintracht in Rage geraten ließ, betraf den Einsatz von Boateng gegen Meier im Bayern-Strafraum wenige Augenblicke vor dem Abpfiff. Der Frankfurter Stürmer war durch einen leichten, zumindest in der Originalgeschwindigkeit kaum zu sehenden Schubser des Münchner Verteidigers ins Straucheln geraten; er brachte den Ball schließlich nur mit dem Knie aufs Tor, was den aus seinem Kasten geeilten Manuel Neuer vor kein größeres Problem stellte.

Ein Strafstoß – der dann auch noch eine Rote Karte wegen einer »Notbremse« nach sich gezogen hätte – wäre hier zwar denk- und vertretbar gewesen, aber zwingend war er nicht. Zumindest fehlte der Szene jene Unzweideutigkeit, die einen Schiedsrichter dazu veranlasst, in der letzten Minute eines engen Spiels auf den Elfmeterpunkt zu zeigen und zusätzlich die unausweichliche persönliche Strafe – also den Platzverweis – auszusprechen. Hinzu kam, dass Peter Gagelmann bis dahin eine eher großzügige Linie bevorzugt und bei der Zweikampfbeurteilung einen nicht unbeträchtlichen Spielraum gewährt hatte. Diese Linie kam dem Spielfluss insgesamt zugute – vor allem der Eintracht, die in puncto Körpereinsatz oft an die Grenzen des Zulässigen ging und dabei so manches Mal von der Generosität des Referees profitierte. Eine folgenschwer kleinliche Entscheidung in letzter Minute hätte da nicht gepasst, deshalb war Gagelmanns Entschluss, Boatengs Einsatz nicht zu ahnden, zumindest nachzuvollziehen. In jedem Fall rechtfertigen die analysierten Entscheidungen nicht die Verve, mit der der Auftritt des Schiedsrichtergespanns kritisiert wurde.

Hamburger SV – 1899 Hoffenheim

Das vieldiskutierte Thema Handspiel hatte auch in dieser Partie seinen Platz: Der Arm von Hoffenheims Elyounoussi war in der 44. Minute zwar angelegt, aber auch mit angelegtem Arm ist eine aktive Bewegung zum Ball strafbar, wenn das Spielgerät dadurch getroffen wird. Und eine solche aktive Bewegung – mit der das Ziel verfolgt wurde, den Ball mit unlauteren Mitteln zu spielen – kann man Elyounoussi sehr wohl unterstellen. Schiedsrichter Günter Perl gab deshalb auch nicht nur einen Strafstoß für den HSV, sondern zeigte dem Hoffenheimer zudem die Gelbe Karte. Zu Recht.

Eine Verwarnung hätte allerdings auch Hamburgs Arslan verdient gehabt, als er Firmino bereits in der 2. Minute durch ein rüdes Foul kurz vor der Strafraumgrenze zu Fall brachte (eine »Notbremse« lag hier nicht vor, dafür spielte sich die Situation zu weit außen ab, weshalb von einer hundertprozentigen Torchance nicht die Rede sein kann). Perl entschied jedoch nur auf Freistoß für Hoffenheim und ließ die Karte stecken.

Borussia Mönchengladbach – Hannover 96

Nach zwölf Minuten griff Hannovers Marcelo dem Gladbacher Herrmann einigermaßen beherzt an die Schulter und ließ diesen Griff schließlich in ein Ziehen am Trikot übergehen. Das Ganze begann außerhalb des Strafraums und endete in ihm. Den Ball spielte Marcelo dabei nicht, und Herrmann fiel schließlich – gewiss nicht freiwillig. Schiedsrichter Dr. Drees ließ weiterspielen, dabei wären ein Strafstoß für Gladbach und eine Verwarnung für den Hannoveraner Verteidiger allemal zu vertreten gewesen.

Einen Elfmeter bekamen die Hausherren dann in der 66. Minute – wegen eines Handspiels von Sakai. Interessanterweise protestierte kein Gästespieler gegen diese Entscheidung, dabei wäre das zumindest verständlich gewesen. Denn Sakai berührte den Ball zwar eindeutig mit dem linken Arm, aber es ist fraglich, ob hier wirklich eine strafwürdige Absicht im Sinne der Regel 12 vorlag: An Sakais Armhaltung war eigentlich nichts regeltechnisch »Unnatürliches«, weil er den Arm lediglich aus Gründen des Gleichgewichts am Boden von sich streckte – eine durchaus tacklingtypische Bewegung – und nicht, um seine Körperfläche zu vergrößern. Auch eine aktive Bewegung zum Ball kann man ihm nicht unterstellen, denn die durch das erfolglose Tackling verursachte Rutschbewegung war unvermeidlich, und der Arm ließ sich in der Kürze der Zeit schon aus anatomischen Gründen nicht mehr einziehen. Hätte Dr. Drees weiterspielen lassen, wäre das jedenfalls kein Fehler gewesen.

1. FC Nürnberg – Hertha BSC

Das Duell des Spiels hieß zweifelsohne Pinola gegen Baumjohann. Zunächst gerieten die beiden in der 53. Minute an der Seitenlinie aneinander, und während des verbalen Disputs langte der Herthaner dem Nürnberger mit der linken Hand ins Gesicht. Gewiss, es war kein Schlag, sondern mehr ein Wegdrücken, und Schiedsrichter Winkmann beließ es schließlich auch bei einer Verwarnung für beide Spieler – eine Entscheidung, die von beiden klaglos akzeptiert wurde (selbst Pinola wollte im »Sky«-Interview keine Rote Karte für seinen Gegenspieler sehen). Dennoch sei an dieser Stelle ein Plädoyer wiederholt, das bei Collinas Erben schon häufiger vorgetragen worden ist: Ein Spieler, der einem anderen im Gesicht herumfummelt, gehört vom Platz gestellt. Nur so kann dieser Unsitte mittelfristig Einhalt geboten werden.

25 Minuten nach dieser Szene kam Baumjohann bei einem Zweikampf mit Pinola im Nürnberger Strafraum zu Fall, und Winkmann entschied auf Strafstoß für Hertha. Die Gastgeber protestierten vehement gegen diese Entscheidung – dabei lässt sich nach dem Betrachten der TV-Bilder zumindest feststellen, dass Pinola nicht nur den Ball getroffen hat. Und das Standbild legt sogar nahe, dass es ausschließlich mit Baumjohanns linkem Bein zum Kontakt kam. Der Strafstoß hatte somit seine Berechtigung.

Screenshots: Collinas Erben.

Nachtrag: Im Interview von Sportradio 360 auf Sport1.fm habe ich heute einige der besprochenen Entscheidungen mündlich erläutert. Wer möchte, kann es sich hier anhören (Part 1, knapp 17 Minuten).

42 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Blog- und Presseschau vom 20.08.2013 | Fokus Fussball

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.