Das Regelwerk wird reformiert

Vor wenigen Tagen fand in einem Londoner Hotel die Jahresgeschäftssitzung des International Football Association Board (IFAB) statt, also der obersten Regelhüter, man könnte auch sagen: der Le­gislative des Fußballs. Diese Sitzung dient der Vorbereitung auf die Jahresversammlung des Gremiums, die allein über Änderungen an den Spielregeln befinden darf und in diesem Jahr vom 4. bis 6. März in Cardiff über die Bühne gehen wird. Bekannt geworden ist bereits, dass das IFAB eine zwei- bis dreijährige Testphase für den Videobeweis gestatten und nach deren Abschluss entscheiden will, ob (und wie) dieses technische Hilfsmittel eingeführt werden kann.

Kein Thema in den deutschsprachigen Medien war hingegen bislang, dass das Board auch eine gründliche Reform des Regelwerks verabschieden wird. Die englische Fassung der Fußballregeln wurde von 22.000 Wörtern auf 12.000 Wörter verkürzt, also fast halbiert. Der Sinn und Zweck dieser Reform – der umfassendsten in der fast 135-jährigen Geschichte des IFAB – besteht zum einen darin, Redundanzen, Widersprüche und Ungereimtheiten zu tilgen, die sich im Laufe der Jahre im Regelwerk angesammelt haben; zum anderen sollen die Fußballregeln durch die Verschlankung klarer und benutzerfreundlicher werden.

Die Neufassung des Regelwerks wird den nationalen Verbänden vermutlich erst nach der Jahresversammlung im März zugehen. Der frühere englische FIFA-Schiedsrichter David Elleray, der an der Ausarbeitung der Reform entscheidend beteiligt war, hat jedoch gegenüber der Nachrichtenagentur AP schon einmal einige Dinge erläutert, die sich ändern werden – und zwar bereits zur Europameisterschaft in Frankreich:

  • Anstoß: Bislang musste der Anstoß nach vorne ausgeführt werden, künftig darf der Ball auch zur Seite oder nach hinten gespielt werden. Alle Spieler müssen sich dabei weiterhin in ihrer eigenen Hälfte befinden.
  • Rote Karten vor dem Spiel: Da die Machtbefugnisse des Schiedsrichters erst mit dem Betreten des Platzes zum Spielbeginn einsetzen, kann ein Spieler, der sich beispielsweise auf dem Weg zum Feld im Spielertunnel eine Tätlichkeit leistet, bislang nicht von der Teilnahme am Spiel ausgeschlossen werden. Das wird sich nun ändern: Auch für Vergehen zwischen der Platzkontrolle durch den Referee und dem Betreten des Feldes, um das Spiel anzupfeifen, kann ein Spieler dann einen Ausschluss kassieren. Dieser Spieler darf jedoch durch einen Auswechselspieler ersetzt werden, seine Mannschaft kann also trotzdem zu elft beginnen.
  • Verlassen des Platzes nach einer Behandlung: Ein Spieler, der sich durch ein Foul, für das der Gegenspieler die Gelbe oder Rote Karte bekommt, verletzt und anschließend auf dem Feld kurz behandelt wird, muss den Platz danach in Zukunft nicht mehr verlassen. So wird vermieden, dass die Mannschaft des Gefoulten vorübergehend in Unterzahl spielen muss.
  • Wiederbetreten des Platzes nach der Beseitigung von Ausrüstungsmängeln: Derzeit muss ein Spieler, den der Unparteiische zur Behebung eines Ausrüstungsmangels vom Platz schickt oder der das Feld aus eigenem Antrieb verlässt, um seine Schuhe zu wechseln, vor dem Wiedereintritt ins Spiel vom Schiedsrichter persönlich kontrolliert werden. Diese Aufgabe kann künftig auch von den Assistenten oder vom Vierten Offiziellen übernommen werden.
  • Halten des Gegners außerhalb des Feldes: Angenommen, zwei Spieler unterschiedlicher Teams geraten im Zuge eines Zweikampfs versehentlich über die Seiten- oder die Torlinie. Der eine will sofort wieder auf das Feld, um den Ball zu spielen, der andere verhindert das, indem er ihn festhält. Konsequenz bislang (neben der Gelben Karte): ein Schiedsrichter-Ball – weil sich das Vergehen außerhalb des Platzes ereignet hat und es deshalb keinen Freistoß oder Strafstoß geben kann. In Zukunft wird jedoch so getan, als hätte das Vergehen auf der betreffenden Linie stattgefunden. Entsprechend gibt es je nachdem einen direkten Freistoß oder einen Strafstoß.
  • Torverhinderung durch Teamoffizielle: Verhindert ein Teamoffizieller (also etwa der Mannschaftsarzt oder der Masseur) ein Tor des Gegners (doch, das gibt es!), führt das bisher zu einem Schiedsrichter-Ball (weil nur Spieler Freistöße und Strafstöße verursachen können). Fortan wird die Verhinderung eines Tores durch einen Teamoffiziellen im Strafraum einen Strafstoß (und außerhalb des Strafraums einen direkten Freistoß) nach sich ziehen. Greift jedoch ein Zuschauer entsprechend ein, bleibt es beim Schiedsrichter-Ball. Das gleiche Vergehen durch einen Ersatzspieler führt nach wie vor zu einem indirekten Freistoß für den Gegner.
  • Elfmeterschießen: Hat vor dem Beginn eines Elfmeterschießens ein Team weniger Spieler auf dem Platz als der Gegner (etwa infolge von Platzverweisen), so reduziert sich die zahlenmäßig stärkere Mannschaft entsprechend. Kommt es jedoch während des Elfmeterschießens zur weiteren Reduzierung eines Teams, darf der Gegner die Zahl seiner Spieler bislang nicht mehr angleichen. Das ändert sich jetzt: Künftig wird die Zahl der (potenziellen) Schützen hüben wie drüben immer gleich sein.
  • Ort der Spielfortsetzung nach einem Abseits: In den Regeln heißt es: »Entscheidet der Schiedsrichter auf Abseits, spricht er dem gegnerischen Team einen indirekten Freistoß an der Stelle zu, an der sich das Vergehen ereignete.« Aber wo ereignet sich dieses Vergehen genau? Dort, wo sich der Angreifer im Augenblick des Abspiels befindet? Oder dort, wo er schließlich ins Spiel eingreift, einen Gegner beeinflusst oder aus seiner Position einen Vorteil zieht? Zwischen dem einen und dem anderen Ort können bisweilen etliche Meter liegen. Nun ist klargestellt: Den indirekten Freistoß gibt es dort, wo der Angreifer aktiv wurde, also ins Spiel eingriff, einen Gegner beeinflusste oder aus seiner Position einen Vorteil zog.

David Elleray sagte gegenüber AP außerdem: »Wir ermutigen die Schiedsrichter, ihre Partien nach dem Geist des Spiels zu leiten und gesunden Menschenverstand walten zu lassen.« Geringfügigkeiten wie etwa der Bruch einer Eckfahne, die anschließend nicht ersetzt werden kann, dürften nicht zu einer Konsequenz wie dem Spielabbruch führen. Die Unparteiischen sollten nicht zu sehr in Schwarz-Weiß-Kategorien denken, sondern ihre Spielräume nutzen.

Man darf gespannt sein, wie das Regelwerk nach den Aufräumarbeiten durch das IFAB aussehen wird und ob sich noch weitere Änderungen ergeben. Die bisher bekannt gewordenen Korrekturen mögen minder schwerer Natur sein, sie machen jedoch einen sinnvollen und praxisnahen Eindruck. Wichtig ist noch: Das IFAB ist zwar für die Gesetze zuständig, die konkrete Interpretation ist jedoch vor allem die Sache der FIFA. Wer sich also beispielsweise eine andere Auslegung beim Handspiel oder beim Abseits wünscht, hätte sich mit dem Weltfußballverband ins Benehmen zu setzen.

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