#Link11: Der Markt ist überhitzt

Guten Tag miteinander. Das Fokus-Fussball-Team hat sich zum Ende der vergangenen und Beginn der laufenden Woche zwei, drei Tage hitzefrei genommen und die #Link11-freien Tage zu einem langen Wochenende (»’n verkürzter Monat!«) anwachsen lassen. Nach allgemeiner Abkühlung der Wetter- und Personallage sind wir wieder voll da.

Was hat sich ereignet? Sigmund Gottlieb hat das Kunststück vollbracht, als arroganter, ewig parteiischer Bayern-Spezi bezeichnet zu werden, ohne sich zum Fußball geäußert zu haben. Zahlreiche Bundesligisten haben äußerst bedeutsame Testspiele absolviert, die DFL hält sich zur allgemeinen künstlichen Überraschung offen, die Stückelung der Bundesliga-Spieltage in Nuancen zu verändern und Pep Guardiola verpasste knapp den Ingeborg-Bachmann-Preis. Für Fußball sorgten die Frauen: Deutschland wiegte seine Zuschauer über 120 Minuten in den verdienten Schlaf, die USA begeisterten im Finale gegen Japan.

Hitzige Debatten, warme Worte und kühle Analysen: die #Link11.

blogundpresseschau

1. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind seit dem frühen Montagmorgen wieder Weltmeister im Fußball der Frauen. Daniel Meuren (FAZ) schildert den Verlauf des Finals und würdigt die Siegerinnen. Tobias Escher analysiert die entscheidenden ersten 15 Minuten des Spiels für Spielverlagerung aus taktischer Sicht und erwähnt auch, was in den »restlichen 75 Minuten« noch so passierte. Deutschland beendete die Weltmeisterschaft auf Platz vier, unterlag im Spiel um Platz drei den taktisch immens variablen Engländerinnen (Spielverlagerung). Einen interessanten Rundumblick aus England auf die omnipräsente Arroganz der Weltbesten, die Kommentatoren der BBC und den »Cameo-Auftritt« von Abby Wambach gibt es bei Twohundredpercent.

2. Zwei führende deutsche Frauenvereinstrainer haben ihre Einschätzungen zum Turnier abgegeben: Ralf Kellermann sprach in der FAZ über spielerische Entwicklungen, Colin Bell monierte in der FR die Inflexibilität der DFB-Auswahl. Dass Kellermann mit diesen Aussagen in Verbindung gebracht wird, schmeckt ihm nicht, wie er wenig später in einer erneuten Aufarbeitung des Turniers, diesmal mit der ZEIT, betonte.

3. Der indirekte Freistoß hat weitere Pressestimmen zur Einordnung der Arbeit von Nationaltrainerin Silvia Neid gesammelt. Ein wenig abseits des WM-Trubels interviewt Soccerdonna einen der wenigen Spielerinnenberater.

4. Chiles Nationalmannschaft ist Südamerikameister. Warum, verrät die Analyse von Spielverlagerung.de. »Ein Volk ohne Erinnerung ist ein Volk ohne Zukunft«: Das Nationalstadion in Santiago ist nicht nur Stätte des größten Triumphes des chilenischen Fußballs, sondern auch Schauplatz und Mahnmal der früheren Militärdiktatur. Der Deutschlandfunk erinnert.

5. Die DFL erwägt vereinzelte Montagsspiele in der 1. Bundesliga, berichtet das Magazin »Sponsors« (dpa). Benjamin Kuhlhoff (11Freunde) und Thomas Reinscheid (effzeh.com) stehen dem damit offenbar verbundenen Untergang des deutschen Fußballs kritisch gegenüber.

Mir erscheint die angedachte Änderung, »bis zu fünfmal pro Saison« ein drittes Sonntagsspiel auszutragen, minim. In der Saison 12/13 etwa gab es vier Spieltage, an denen ein drittes Sonntagsspiel ausgetragen wurden, ohne dass ich mich an Kommentare, die Liga verkaufe ihre Seele, erinnern könnte. Selbst volle fünf Montagsspiele pro Saison entsprächen gerade mal einem einem Zweimonatsrhythmus, nur ein kleiner Anteil der Fans müsste zu einem montagabendlichen Auswärtsspiel anreisen. Mein Vorschlag: Man lege die sechs Partien zwischen Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim auf den Montagabend und teile die so erzielten Mehreinnahmen unter den dreien auf. Engagierte und kritische Fans der echten Vereine dürften zuhause bleiben und die Fernsehgelder flössen wie so oft gefordert an jene, die sie erzeugen.

6. Gestern begann die Europameisterschaft der U19-Junioren, heute Abend steigt die deutsche Auswahl mit einer Partie gegen Spanien ins Tunier ein. Spox widmet sich dem Kader in beeindruckend erhellenden Aussagen zu Stil und Vorzügen einzelner Spieler. Eine akribische Fleißarbeit angesichts der Tatsache, dass zahlreiche dieser Spieler kein einziges Profispiel absolviert haben und mir bedeutend sympathischer als der Kanon der Berichterstattung zur U17-EM (Wir werden Felix Passlack früh genug als Außenverteidiger in der zweiten Liga wiedersehen).

7. Nach dem Ausstieg des Hauptsponsors DB musste sich die Berliner Hertha offenbar sehr mühen, einen neuen Hauptsponsor zu finden. Oliver Drost, Kreativ-Vorstand einer Beratungsagentur, streut im Interview mit dem Tagesspiegel reichlich Salz in eine offene Wunde westlich des Berliner S-Bahn-Rings:

Ich glaube, der Hauptstadtanspruch hat nichts mit Hertha zu tun. Da liegen zwei Wahrheiten weit auseinander. Berlin entwickelt sich super: internationaler Standort, Touristenmagnet, Kunst, Politik. Die Strahlkraft ist da. Aber die strahlt auf Hertha nicht ab.

Wenig später wurde klar: Hertha verkörpert nicht nur das alte West-Berlin, sondern auch die halbseidene Seite des neuen. bet-at-home.com wird neuer Hauptsponsor und hält die Erinnerung ans Café King, die Brüder Sapina und den für Hertha pfeifenden Robert Hoyzer wach. Dafür zahlen sie ordentlich (Morgenpost). Ganz nach dem Slogan der Hauptstadt: Reich, aber unsexy.

8. Irgendetwas an Interviews im Sportteil einer großen deutschen Tageszeitung lässt mich gelegentlich mit dem Gefühl zurück, die Sätze spiegelten nicht das Gespräch zwischen Interviewer und zu Interviewendem wider, sondern seien gut eingebundene Zitate aus bislang unveröffentlichten Sketchen Loriots. Vielleicht liegt das aber auch einfach an den Interviewten. »Kritik tut mir nicht weh. […] Was weh tut, sind Hasstiraden. Aus Neid ist Hass geworden« und »Jeder Mensch hat Angst, zum Beispiel vor dem Tod, aber im Blick auf meine Arbeit bei der Fifa habe ich keine Angst« sagt Sepp Blatter diese Woche in der WELT, ganz so wie sich Manuel Neuer dort vor einer Weile mit dem Satz »Man muss doch auch mal Mensch sein und abschalten« abdrucken ließ. Aber lesen sie selbst.

9. Kaderplanungszwischenstände sind klassisches Sommerpausenbloggermaterial. Für den ein oder anderen wird es auch interessant zu sehen sein, was die Konkurrenz so treibt. Lageberichte aus aus Frankfurt (neunundfuenfzig), Hamburg (einhundertvierzigplus), Schalke (koenigsblog), Köln (spielfeldrand) und Stuttgart (goldmann). Wer eine Spielklasse niedriger heimisch ist, wird vom Rotebrauseblogger in einige Blogs und Podcasts der Liga eingeführt.

10. »Online Marketing Rockstars« stellt den Macher des »größten Fußball-Youtube-Kanals der Welt« vor: Konstantin Hert lud Freistoßvideos hoch und kann von den Folgen gut leben.

11. Aus aktuellem Anlass: Internationale Philosophie, das Rückspiel aus München. (YouTube)

Meist geklickter Link letzte Woche
Blog trifft Ball – »Es war ungewohnt, erst zu klopfen …«

Field Reporter

JJ: Wenn du der Interviewer wärst, was würdest du dich auf gar keinen Fall fragen, weil die Antwort vielleicht peinlich ist?

RG: Mmh, du stellst echt verdammt gute Fragen. […] Also, man müsste mich nicht unbedingt danach fragen, warum ich mehr Eigentore als Tore geschossen habe in der Bundesliga. Die Frage mag ich nicht. Weil es stimmt. Ich habe zwei Eigentore in der ersten und zweiten Bundesliga und nur ein selbst geschossenes. Also habe ich mehr Eigentore als Tore. Das ist keine so großartige Bilanz. Das erste Eigentor war doof und das zweite konnte ich nichts für.

Ein zehnjähriger Fußballfan (Wochenendrebell.de) und ein einunddreißigjähriger Fußballprofi interviewen sich gegenseitig.

Mixed Zone
Hamburg: Uwe Seeler macht sich Sorgen + + + Le Havre: Das Zebrastreifenblog über den einstigen französischen Meister Havre AC + + + Halle: Bullenschwein darf bleiben (mdr) + + + Lyon: Finanzanalyse von Olympique Lyonnais bei The Swiss Ramble + + + Genua: Eto’o verabschiedet sich von den Fans mit den fast genua gleichen Worten wie zuvor in Everton (Sport1) + + + Guangzhou: Hitzfeld lehnte 16 Mio €/Jahr netto ab (FR) + + + Hamburg: Hogesa-artige Demo für September angekündigt (Blick nach rechts) + + + Kroatien: Fußball »bis zum Hals im Korruptionssumpf« (NZZ) + + + Frankfurt: Nachholspiel aus dem ersten Weltkrieg (FR) + + + Klagenfurt: Pep Guardiola liest (ZEIT) + + + Führungsetage: Wie viel Sündenbock soll ein Aufsichtsrat sein? (Nedsblog) + + +

Unsere Partner:















Share on Facebook5Tweet about this on TwitterShare on Google+2

9 comments » Write a comment

  1. Von DB zu Bet at home ist ja mal sehr gewagt. Vorher hams also die Leute, die zu Auswärtsspielen der Hertha wollten, mitm Zug hingefahren und jetzt sollens daheim bleiben und für Punkte beten.
    International paßt das sogar: Hertha Bizarre Sponsor Choice Berlin^^. Deutsch fällt mir partout kein Wort mit C ein, zefix.

  2. Erst einmal ist es ja schon verdammt kurzsichtig zu glauben, da jetzt erstmal “nur” 5 Montagsspiele vorgeschlagen wurden, würde das nach der Einführung derselbigen über Jahre so bleiben…

    Viel mehr bringt mich dann aber noch der “Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim”-Vorschlag auf die Palme. Bayer 04 besteht als “echter Verein” seit 111 Jahren, gegründet und groß gemacht von Bayer-Mitarbeitern (soviel Zusammenhalt zwischen ‘Großsponsor’ und Bundesliga-Club ist bspw. in München, Berlin oder wo auch immer nicht zu finden). Nebenbei bemerkt sind die 25 Millionen der Bayer AG im modernen Fußball auf Champions-League-Niveau Peanuts. Was verleitet also den Autor dazu, zu glauben zwischen kritischen Fans echter Vereine und Fans der Werkself unterscheiden zu dürfen? Um Letzteren Auswärtsfahrten nach Wolfsburg und Hoffenheim am Montagabend zu wünschen. Bayer 04 Leverkusen spielt seit Jahrzehnten in der Bundesliga, ist noch nie abgestiegen und hat einer der ältesten Ultra-Traditionen Deutschlands – da sollte wohl jemand seine eigenen Vorurteile überdenken…wenige Fans heißt nicht gleich schlechte, unkritische Fans oder Ähnliches.

    Der Autor sollte sich solche Vorschlagsmonologe (ohne Link…) in der Linkelf zukünftig sparen, oder den anderen Autoren, die hier sehr gute Arbeit machen, das Feld überlassen.

  3. Lieber Julian,

    “Wenig später wurde klar: Hertha verkörpert nicht nur das alte West-Berlin, sondern auch die halbseidene Seite des neuen. bet-at-home.com wird neuer Hauptsponsor und hält die Erinnerung ans Café King, die Brüder Sapina und den für Hertha pfeifenden Robert Hoyzer wach.”

    Das ist schon harter Tobak.

    Klar, knackige Sätze sorgen für Aufmerksamkeit. Aber ist das hier in diesem Format nötig? Die boulevardeske Verknappung führt zu einer, wahrscheinlich ungewollten, Vermischung von Sachen, die nichts miteinander zu tun haben.

    Denn deine Sätze suggerieren, dass Hertha an dem großen Betrug in irgendeiner Form beteiligt war, davon profitiert oder es zumindest geduldet hat. Und dass jetzt, mit dem neuen Sponsor, diese Zeiten wieder aufleben, denn “es hält die Erinnerung wach”. Woran soll es denn die Erinnerung wachhalten?

    Was hatten Café King, die Sapinas und Hoyzers Betrügereien mit Hertha zu tun? (Dass Hoyzer “für” [was für eine fragwürdige Wortwahl!] Hertha gepfiffen hat, ändert daran überhaupt nichts. Du weißt ganz genau, was es mit der Vereinsmitgliedschaft der Schiedsrichter auf sich hat.)

    Nicht zuletzt frage ich mich, ob man einen Wettanbieter als “halbseiden” bezeichnen muss und inwiefern ein österreichischer Wettanbieter mit Sitz auf Malta und in Düsseldorf das neue West-Berlin verkörpert.

    Ansonsten, keep up the good work. Bis zum nächsten #tpber

    Henry

    • Lieber Henry,

      zuallererst: Die Doppeldeutigkeit von »für Hertha pfeifen« war ehrlich gesagt völlig unbeabsichtigt. Soweit ich sehe, kommt dadurch sehr viel mehr Schärfe ins Spiel als geplant; dem Leser wird so eine zweite Bedeutung angeboten, die ich nicht anbieten wollte.

      Der Satz sollte nur kurz belegen, dass Hertha und die Stadt Berlin durch die genannten Personen näher am Wettskandal waren als etwa Frankfurt und die SGE. Ich jedenfalls habe mich bei der Kombination aus Wettanbieter und Hertha BSC sofort an den Wettskandal erinnert, in Kombination mit der Eintracht wäre das wahrscheinlich anders gewesen. Für diesen Zusammenhang und die Erinnerung daran ist es auch nicht nötig, zu unterstellen, dass die Hertha davon profitiert hat. Aber mit dem Cafe King in Berlin, Robert Hoyzer von Hertha BSC, dem Prozess vor dem Berliner Landgericht, dem Betrugsverdacht dreier von den Sapinas belasteter Hertha-Profis und einem manipulierten Regionalligaspiel der Hertha-Amateure wird wohl kaum ein Verein so schnell mit dem damaligen Wettskandal assoziiert wie die Hertha.

      Wenn die Rede vom »Hauptstadtklub« ist, kann man auch davon sprechen, dass diese Machenschaften in Berlin stattfanden, dass sie ein kleiner Teil der Geschichte der Stadt sind – des neuen West-Berlins, wenn es der Überleitung dient.

      Halbseiden ist für mich nicht der Wettanbieter per se, sondern die enge Geschäftsbeziehung zwischen denen, die im sportlichen Wettstreit stehen und jenen, die in ihrem Unternehmen viel Geld machen könnten, wenn sie über einen der sportlichen Wettbewerber etwas mehr wüssten als andere. Zwischen denen, die viel Geld machen könnten, wenn sie Einfluss auf das Ergebnis hätten und jenen, die mehr Einfluss auf das Ergebnis haben als irgendwer sonst. Eine solche Zusammenarbeit wirkt einfach aufgrund der Geschäftsmodelle der Beteiligten per se anrüchig.

      Die Hertha hat sich wohl entschieden, das zusätzliche Geld eines durch all das weniger schmeichelhaften Hauptsponsors einzustreichen und dafür diese Assoziationen zuzulassen und zu ertragen. Sie hat die Entscheidung getroffen, all diese Überlegungen, die ihre Zusammenarbeit mit einem Wettanbieter nach sich zieht, zu tolerieren, um dafür die ein oder andere Million mehr einzunehmen. Die Tragweite dieser Entscheidung anzudeuten erschien mir nach einem Artikel über das Image des Vereins durchaus angebracht.

      »Ha Ho He!«
      Julian

  4. Ich persönlich habe diese Link-11 mit großem Vergnügen gelesen und musste sogar an mehreren Stellen schmunzeln. Wollte ich nur mal gesagt haben.

  5. Betone gerne, wie so ähnlich schon drüben bei Twitter getan, dass sternburg keineswegs eine Einzelmeinung vertritt. Auch mein Vergnügen war groß.

  6. Lieber Julian,

    vielen Dank für Deine ausführliche Antwort.

    Gegen Assoziationsketten in den Köpfen anderer zu argumentieren ist immer schwierig. Dazu weiter unten mehr.

    Vorab möchte ich aber auf Einiges, was Du geschrieben hast, eingehen:

    Das Café King war in Berlin, die Sapinas wohnten in Berlin, Hoyzer war und ist Berliner. Daher fand der erste Prozess beim LG Berlin statt. Wo auch sonst? Ich finde hier die Verbindung zu Hertha weit hergeholt.

    Drei Spieler von Hertha wurden von Sapina belastet. Allen dreien konnten keine Beteiligungen nachgewiesen werden. Damit ist dieser Punkt auch schon erledigt, denn ansonsten bewegen wir uns auf der „Rauch-Feuer“-Ebene. Das entspricht nicht meinem Rechtsverständnis.

    Ein Regionalligaspiel von Hertha war manipuliert. Wenn Du daraus eine besondere Verbindung zu Hertha herstellst, musst Du auch die anderen Vereine erwähnen, deren Spiele von Hoyzer oder Marks geleitet wurden. Das sind über zwanzig Mannschaften, und darunter befinden sich mit Nürnberg, Wolfsburg, St. Pauli und Bremen einige Schwergewichte. Warum also die besondere Verknüpfung zu Hertha?

    Ante Sapina war als Amateurfußballer u.a. beim BAK aktiv, bei dem nach Absitzen seiner Haftstrafe später dann auch Hoyzer spielte. Mit dem gleichen Gefühl wie oben könnte man auch den BAK mit dem Betrug in Verbindung bringen. Warum passiert das nicht?

    Die beiden folgenden Prozesse der Sapinas fanden beim LG Bochum statt. Warum spielt der VfL in den Assoziationen keine Rolle?

    In Sachen Wettanbieter kann ich Deiner Argumentation nicht folgen. Der Begriff „halbseiden“ suggeriert Intransparenz, Erpressbarkeit, Illegalität oder deren Grenzen. Dieses „unter einer Decke stecken und krumme Dinger aushecken“.

    So denn eine „enge Geschäftsbeziehung“ zwischen Verein und Sponsor besteht, tut sie das in dieser Form zwischen jedem Sponsor und dem unterstützten Verein. Dementsprechend kann jeder mit entsprechendem Insiderwissen ausgestatteter Mitarbeiter des Sponsors, sei es ein Häuslebauer, Hühnerschlachter oder Vielprogrammierer, auch heute schon versuchen, sein redlich oder unredlich erworbenes Wissen bei einem der reichlich vorhandenen Wettanbieter in Bares umzuwandeln. Tut er das? Keine Ahnung, vielleicht. Aber was ist die Besonderheit des Mitarbeiters eines Wettanbieters? Die Verlockung, weil er so dicht am Knopf sitzt? Diese Einschätzung teile ich nicht. Nach dieser Logik müsste ein Rewe-Mensch ständig einkaufen, ein Emirates-Mensch ständig fliegen und ein Coface-Mensch lauter Schulden eintreiben.

    Außerdem unterstellst Du, dass ein Wettanbieter über mehr Informationen verfügt als andere Teilnehmer am großen Zirkus Fußball. Das mag stimmen oder auch nicht. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass dieses Wissen auch genutzt wird um Einfluss auf Spielausgänge beim gesponsorten Verein zu nehmen, ist eine gewagte Unterstellung. Bewiesen durch nichts aus dem Gefühl.

    In der Vergangenheit wurden Spieler erpresst und zur Zusammenarbeit mit Wettbetrügern genötigt. Das findet wahrscheinlich auch heute noch statt. Erpressungspotential ist bei vielen Menschen vorhanden, Geldsorgen sind bei Fußballern keine Seltenheit. Inwiefern aber Spieler eines Vereins, der von einem Wettanbieter gesponsort wird, besonders anfällig für Erpressungen und Manipulationen sein sollen, erschließt sich mir nicht.

    Nicht jedem müssen Sportwetten gefallen. Mir persönlich sind sie egal. Ich wette nicht. Ich halte das Geschäftsmodell aber für legitim und an sich nicht für verwerflich, anrüchig oder sogar „halbseiden“. Wie bei fast allen Konsumentscheidungen hat man auch hier die Freiheit, sich gegen den Kauf oder die Inanspruchnahme der Dienstleistung zu entscheiden. Ich kann so viele Autos kaufen, so viele Bankkonten eröffnen und so viel Brause trinken wie ich will oder es mir leisten kann. Oder ich kann es lassen. Wetten sind grundsätzlich legal. Sie werden abgeschlossen, sei es unter der Regie des Staates (Lotto), eines privaten Anbieters, einer dubiosen Klitsche aus Ostasien oder mal eben aus Spaß unter Freunden.

    Mit Deinem letzten Absatz kommen wir weitgehend zusammen. Natürlich gibt es einen wechselseitigen Imagetransfer. Sonst bräuchte man diesen ganzen Zinnober ja nicht zu veranstalten. Und dass Wettanbieter nicht das beste Image genießen, sehe ich auch. Ich teile diese Einschätzung nicht, aber nehme sie natürlich wahr. Immerhin bewegt sich Hertha damit in einem erlauchten Kreis aus, durchaus wohlgelittenen, Vereinen, deren Sponsoren in der allgemeinen Wahrnehmung, nicht in jedem Fall auch in meiner, eher schlecht wegkommen: Mainz mit Coface, Bremen mit Wiesenhof, Schalke mit Gazprom.

    Zurück zum meinem Ausgangspunkt: „Gegen Assoziationsketten in den Köpfen anderer zu argumentieren ist immer schwierig“. Man kann versuchen, mit Informationen und möglichst stichhaltigen Argumenten zu punkten, aber es bleibt beim Anderen meist immer dieses „Gefühl“ zurück. Das ist ja auch okay. Einsicht, Zuneigung und Sympathie kann man nicht verordnen. Daran scheitern auch viel schlauere Menschen als ich bei weitaus wichtigeren Dingen als dem Fußball.

    Hertha teilt das Schicksal einiger Vereine, die außerhalb ihres Dunstkreises entweder negativ oder gar nicht wahrgenommen werden. Kein Problem. Da sitzen wir beide wohl im selben Boot. Über die Ursachen können wir lange diskutieren. Im oben verlinkten Artikel aus dem Tagesspiegel wird viel Richtiges gesagt. Es scheint, als wäre Hertha eben von außen betrachtet vor allem Juhnke, Pfitzmann und Mira und nicht M10, Späti und Mittehippster. (Nicht, dass wir da unbedingt hinmüssen).

    Mich überrascht aber ehrlich Deine Wahrnehmung (die Du bestimmt nicht exklusiv hast) der engen Verbindung zwischen Hertha und dem Wettskandal. Nochmal ganz deutlich: ich halte diese Einschätzung nicht für unredlich oder illegitim. Sie mag vielleicht einseitig geprägt sein, aber das ist mein Bild von anderen Vereinen ja auch.

    Hätte Hertha damals anders handeln können oder müssen? Anders kommunizieren müssen? Ehrlich, ich weiß es nicht mehr. Das Ganze ist elf Jahre her. Vielleicht habe ich auch vieles verdrängt oder damals unbewusst aus der Wahrnehmung ausgeklammert. Ich weiß, dass damals die Nachrichtenversorgung noch eine andere war, dass sich seitdem die Berichterstattung um ein Vielfaches gesteigert hat.

    Ich werde mich mal umhören. Mein Herthaumfeld befragen, aber vor allem auch die, die mit Hertha eher weniger anfangen können. Nicht, dass das Ergebnis dann repräsentativ wäre. Aber eine Rückkopplung wird es geben und darauf bin ich dann schon gespannt.

    Ich teile dann auch gerne mit, was dabei rausgekommen ist.

    Bis dahin und beste Grüße

    Henry

  7. Pingback: #Link11: Sommerflausen | Fokus Fussball

Leave a Reply

Required fields are marked *.