#Link11: Die Unbestechlichen

Die lange Liste von Skandalen rund um die FIFA und ihren berüchtigten Präsidenten Sepp Blatter ist um ein Kapitel reicher. Wie nach den zahlreichen Enthüllungen des gestrigen Tages nicht anders zu erwarten, geht es heute vor allem um die Ermittlungen gegen den Fußball-Weltverband.

Bei aller berechtigten Kritik an der FIFA und aller berechtigten Wut auf Herrn Blatter möchte ich jedoch zunächst anmerken: Sowohl Fans als auch Blatter-Gegner innerhalb der Fußballbranche sollten es nicht dabei belassen, ihre Kritik einzig auf die Machenschaften ruchloser Geschäftsleute zu konzentrieren. Denn es bedurfte erst der Intervention einer US-Behörde, die FIFA ins Schwitzen zu bringen. Blatters Gelddruckmaschinerie mag regelmäßig kritisiert werden – doch dabei bleibt es eben meist. Zu gern berauschen sich all jene, die Blatter aufs Korn nehmen, am Fußball, dessen zentrale Organisation die FIFA nun mal ist. Stimmt’s? Gerade im Hinblick auf eine WM in Katar muss aber (so glaube ich) die Frage gestellt werden, welchen moralischen Preis man für eine Sportveranstaltung zu zahlen bereit ist. Und ob man das Festlegen dieses Preises in die Hände genau der Menschen legen sollte, die man so vehement kritisiert.

Doch genug der gesalbten Reden. Die Link11 hat natürlich noch weitere spannende Themen zu bieten.

blogundpresseschau

1. Am gestrigen Tag wurden 7 hochrangige FIFA-Funktionäre in Zürich festgenommen (NY Times). Das US-Justizministerium wirft ihnen zahlreiche Vergehen aus den Bereichen Bestechung und Geldwäsche vor. Sport1 hat eine Übersicht über die wichtigsten Fakten zusammengestellt, die offizielle Erklärung des US-Justizministeriums findet ihr hier. Eine eilig von der FIFA einberufene Pressekonferenz verlief gewohnt absurd. Mike Glindmeier hat die Perlen der Kritikunfähigkeit in einem Live-Ticker verewigt (Spiegel). Jens Weinrich, personifizierte Faust im Nacken korrupter Sportfunktionäre, glaubt noch nicht so recht daran, dass die gestrigen Vorfälle Blatter zu Fall bringen werden (Tagesanzeiger). Auf seinem eigenen Blog spricht er noch einmal ausführlicher über den aktuellen Skandal. Till Schwarze und Christian Spiller stellen euch die 5 Gesichter des FIFA-Korruptionssumpfes vor (Zeit).

Andreas Rüttenauer mahnt derweil, dass ein paar Verhaftungen nicht ausreichen, um dem System FIFA gefährlich zu werden. Er gibt Staaten, die mit dem Verband zusammenarbeiten, eine Mitschuld (taz). Ronald Lindner tut dasselbe mit dem Sportartikelhersteller Nike (FAZ). Dominik Bardow und Johannes Nedo merken an, dass Veränderungen im Fußball bei den Fans beginnen müssen und zeigen Gegenmodelle zur FIFA auf (Tagesspiegel).

2. Die Fußballromantik des Ruhrgebiets hat wenig mit der polierten Welt der FIFA zu tun. Hier bilden noch immer Werte wie “Tradition” und “Maloche” das ideologische Grundgerüst vieler Fans. Christoph Biermann hat ein Buch darüber geschrieben, wo bei der Fußballidentität des Ruhrgebietes die Wahrheit zum Mythos wird und warum das eigentlich keine Rolle mehr spielt. Nils Müller bespricht es für Weltenkreuzer.

3. Wo Fußball “malocht” wird, da ist ein beherzt nach vorne geknüppelter langer Ball meist nicht weit. Zumindest in der Bundesliga, die in der aktuellen Saison wieder deutlich häufiger zur Brechstange gegriffen hat, als die europäische Konkurrenz. Danial Montazeri hat die beachtliche Renaissance des schönsten aller fußballerischen Werkzeuge auf taktische Gründe untersucht (Spiegel).

4. Das Wort “Brechstange” kommt im Vokabular von Arjen Robben und Franck Ribéry nicht vor. Zu blöd, dass die beiden keine 21 mehr sind. Miasanrot geht auf die Suche nach Nachfolgern und kramt dafür tief in der Statistik-Kiste.

5. Wichtig is aufm Platz? Jein. Die Bundesliga ist längst auch zu einem Wettstreit der Werbeexperten, Social Media Manager und Markenbotschafter geworden. Zwar mag eine Corporate Identity oft eher ein Wunschbild des Unternehmens sein, das tatsächlich in der hübschen Verpackung steckt. Doch die Art, wie Vereine kommunizieren, welche Themen sie zum Beispiel durch Interviews selbst auf die Agenda setzen, beeinflusst die “Realität” nachhaltig. Das Munich Digital Institute hat eine sehr interessante Markenanalyse der Bundesliga anhand dreier Beispiele (FCB, BVB, SGE) vorgenommen.

Über den FC Bayern wird vor allem Content vermittelt, der über die sportliche Leistung des Vereins hinausgeht. Der Verein setzt auf ein Red-Carpet-Image, er steht für professionell-prominente Spieler und Charity-Work. Im Vergleich dazu konzentriert sich der BVB stark auf das eigene Kerngeschäft.

6. Der SV Werder und seine Fans pflegen eine Freundschaft mit dem Anhang von Hapoel Katamon Jerusalem aus Israel. Regelmäßig treffen sich die Fußballbegeisterten, um von- und miteinander zu lernen – und natürlich um Spaß beim Fußball zu haben. Jüngst (zum Zwecke der Gängelung) bei der FIFA eingereichte Ausschluss-Anträge gegen den israelischen Fußballverband zeigen: Nicht nur eine schöne, sondern auch eine wichtige Institution. Laura Piotrowski hat ihr einen Text zum 10-jährigen Bestehen gewidmet (Fußball gegen Nazis).

7. Christie Rampone ist so alt, die hat nen Gehörschaden – vom Urknall! Ok, sorry. So alt ist sie natürlich bei weitem nicht. Dennoch ist die US-Nationalspielerin eine Ikone des Frauenfußballs. Juliet Macur erzählt, wie anno 1997 ein altmodisches Fax die Welt des Sports gehörig aufmischte (NY Times).

8. Wir bleiben in den Vereinigten Staaten. Das amerikanische Liga- und vor allem Jugendsystem unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht strukturell vom dem, was wir aus Europa kennen. Tucker Schneider ist U-18 Keeper der Colorado Rapids und gibt Lukas Brandl einige spannende Einblicke in das Leben eines nordamerikanischen Nachwuchsfußballers (Inside11).

9. Ibrahimovic, Anelka, Pfannenstiehl… Christoph Wagner! Es gibt eine Reihe von Fußballern, die etwas mehr von der Welt gesehen haben, als andere. Die meisten jedoch im Zuge einer Profikarriere. Wagner, Autor von “An Old International”, berichtet in seiner neuen Serie für 120 Minuten von seinen Erlebnissen in den Kreisligen Europas. Eine schöne Idee.

10. Die Spieler des FC Sevilla dürfen sich nach der gestrigen Titelverteidigung getrost “Könige der EuroLeague” nennen (FAZ). Falls ihr das Spiel nicht gesehen habt und euch nun fragt, ob ihr etwas verpasst habt: Sorry, habt ihr! Es war vor allem in Halbzeit 1 eine wahre Fußball-Gala. Das dürfte Blatter-Konkurrent und UEFA-Boss Platini gefreut haben, konnte er sich gestern doch hervorragend in Szene setzen (Spiegel).

11. Heinz Kamke urlaubt. Und tut, was jeder pflichtbewusste Fußballblogger unter Palmen bei einer eisgekühlten Kokosmilch tun würde: Sinnieren. Über Christian Streichs Authentizität, die sportliche Zukunft des VfB Stuttgart und eine Geißel der Menschheit, die auf den Namen “Silverlight Plugin” hört (Angedacht).

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Das BVB-Fanblog Schwatzgelb mit seinem Rundumschlag gegen die Wolfsburger Transfers der letzten Jahre

Field Reporter

“Ich will nicht alles über einen Kamm scheren. Aber wenn jemand wie Herr Bruchhagen verkündet, dass er zwar Freiburg und Paderborn den Abstieg nicht wünscht, es aber wichtig wäre, wenn Stuttgart und Hamburg drinbleiben, weil man die großen Namen brauche, dann ist das eine Haltung, die mir Sorgen macht. Vor allem, wenn man gerade selbst die U 23 abgeschafft und jahrelang nicht auf die eigene Jugend geachtet hat. Nach dem Motto: Das ist zu teuer, wir lassen die Arbeit woanders machen. Mit uns ist ein Symbol in die zweite Liga runtergegangen, nämlich das der nachhaltigen Arbeit.”

Fritz Keller, Präsident des SC Freiburg, in der FAZ über “Traditionsclubs”. Amen. Junge, komm bald wieder!

Mixed Zone
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