#Link11 spezial: Polizeieinsatz beim Schalker Champions-League-Spiel gegen PAOK Saloniki

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Beim gestrigen Champions-League-Spiel zwischen Schalke 04 und PAOK Saloniki kam es zu einem massiven Polizeieinsatz in der Schalker Nordkurve. Die Polizei begründetete den Einsatz wie folgt:

Ein seit Mitte der ersten Spielhälfte im Nordbereich durch die Gelsenkirchener Ultras aufgehängtes Banner führte bei den griechischen Fans zu massiven Unmutsäußerungen. Durch den Inhalt und die Darstellung des Banners fühlten sich die griechischen Gäste als Volksgruppe erheblich beleidigt und verunglimpft. Nach Aussage eines der griechischen Polizeibeamten handelte es sich bei dem Inhalt des Banners um volksverhetzende Tatbestände. Auch er selbst fühlte sich erheblich beleidigt und gab an, dass besagtes Banner u. a. schon für die erheblichen Ausschreitungen während des Spiels Rapid Wien gegen PAOK Saloniki im Jahre 2012 mit verantwortlich war. Die mehr als 2000 griechischen Fans drohten mit Blockstürmen, Spielfeldsturm und Spielabbruch. In einem solchen Fall wäre Leib und Leben zahlreicher, auch unbeteiligter Zuschauer gefährdet worden.

Stephanie Daremöller, Polizeisprecherin, begründet die Entscheidung noch einmal bei Radio Emscher-Lippe. Warum es sich um Volksverhetzung beim Hissen der Flagge handelt, kann oder will sie nicht begründen. EDIT: Das Lawblog kann auch nicht begründen, warum eine Flagge Volksverhetzung sein soll.

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Hintergründe zum Konflikt zwischen Griechen und Mazedonien gibt es bei Spiegel Online. Ein alter Konflikt, der vor allem zuletzt um die Benennung des ehemaligen Jugoslawien-Staats geführt wurde.

Soweit zur Begründung des Einsatzes der Polizei. Die Durchführung sorgte dann jedoch für die größte Aufregung. Bilder der Intervention gibt es hier (dort ist auch zu sehen, dass Sanitäter in den Pfefferspray-Nebel geraten und den Block verlassen mussten). Der Verein verurteilte den Einsatz und hielt ihn für unverhältnismäßig.

Es waren entsetzliche Szenen, die sich am Mittwoch (21.8.) beim Spiel gegen PAOK Saloniki in der Nordkurve abspielten: Ein Polizeieinsatz mit Gummiknüppeln und Pfefferspray war der dramatische Höhepunkt eines Abends gegenseitiger Provokationen beider Fanlager. Die letzte und gravierendste Eskalationsstufe war aus Sicht des FC Schalke 04 jedoch in keiner Weise gerechtfertigt.

Peter Peters konkret:

Dieser Einsatz war völlig unverhältnismäßig. Wir können dies absolut nicht gutheißen und bringen dafür nicht das geringste Verständnis auf.

Peter Peters bei Schalke-TV.

Die gehisste Flagge ist ein Banner des „Komiti Düsseldorf“ der Ultras von Vardar Skopje präsentiert, welche mit den Ultras der Königsblauen befreundet sind. Eine solche Flagge wurde übrigens u.a. schon im Heimspiel gegen Olympiakos 2012 gesichtet, jedoch ohne Folgen.

In einem Artikel von Daniel Meuren (FAZ) zeigte sich die mazedonische Botschafterin irritiert darüber, dass das Hissen unter Volksverhetzung fiele. Festzuhalten bleibt, dass es sich um die erste Flagge Mazedoniens handelte, die inzwischen aber nicht mehr aktuell ist und im Namensstreit mit Griechenland geändert wurde.

Laut Daremöller bat die Polizei zunächst um Entfernung der Flagge (teilweise wohl auch telefonisch), was durch Schalker Fanbeauftragte durchgeführt werden sollte, die jedoch keinen Erfolg hatten – darauf dann der Einsatz, der mit Tränengas und körperlicher Gewalt durchgeführt wurde. Dies aber aufgrund der Tatsache, dass die Gewalt, so Polizei, zunächst von der Nordkurve ausging.

Insgesamt sollen 30 Fans verletzt worden sein (ZEIT online).

Verschiedene Berichte von Fans der Schalker gibt es im Schalker Megafon, bei Thomas Wings, Web04, Unter Flutlicht, Schalkeweb und bei Fankultur. Neben dem Eingreifen der Polizei wurde auch allseits kritisiert, dass im griechischen Block beispielsweise Pyrotechnik gezündet wurde und die Polizei dort nicht eingriff. Pyrotechnik war bei PAOK-Fans bereits am Bahnhof gesichert worden (WDR).

Die taz fragt:

Die Frage ist nun, ob man mit einer Fanfahne zum Hass aufstacheln, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordern kann und damit der Einsatz womöglich gerechtfertigt wäre. Fraglich ist auch, warum man vor den bekanntermaßen gewaltbereiten Paok-Fans eingeknickt ist und damit revisionistische Ansichten legitimiert. Kurz gesagt, sind nicht wenige Griechen der Meinung, nur Griechen könnten echte Makedonier sein, „und Makedonien sei eine griechische Provinz in der Tradition Alexanders des Großen; niemand sonst dürfe den Namen Makedonien für sich verwenden.

Marco Betram (Turus) mit einer Einschätzung für die Zukunft.

Nein, das Ganze ist eine Farce. Denn wo würden die Grenzen liegen? Was ist als Provokation zumutbar? Ab wann müsste in Fanblöcken „eingeritten“ werden? Ein Rostock-Fan meinte mit einem Schmunzeln: „Am Samstag die Vorpommern-Fahne zuhause lassen! Nicht dass die Bul*** mich aus dem Block prügeln, weil sie meinen, dass das Volksverhetzung gegenüber den Mecklenburgern sei!“ Klingt lächerlich. Mag sein. Doch der Grund für diesen verheerenden Polizeieinsatz auf Schalke war dies auch!

Daniel Theweleit (SZ) über die Sorge „normaler Stadiongänger“.

Auch Unbeteiligte gerieten in die Auseinandersetzung, kaum noch jemand auf der Nordkurve konnte das Spiel verfolgen, erfahrene Stadionbesucher berichteten von „großer Angst“, und davon, dass sie ihre Kinder nicht mehr mit ins Stadion bringen werden, solange sie fürchten müssen, dass die Polizei derartige Operationen durchführt.

In der Welt äußerst sich Erich Rettinghaus, Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft Nordrhein-Westfalen.

Die Kritik der Schalker sorgte auch für Unverständnis bei der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). „Stellen Sie sich mal vor, die Polizei hätte gar nichts getan und einfach abgewartet, was denn so passiert. Dann hätte man sich im Nachhinein den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass wir Rassismus dulden“, sagte Erich Rettinghaus, Landesvorsitzender der DPolG Nordrhein-Westfalen, der „Welt“: „Es kann nicht sein, dass die Polizei jetzt als Schuldige ausgemacht wird und wir die Vereine nicht hinter uns haben. Es wurde – wie in jedem anderen Fall – genau überlegt, ob man einschreiten muss oder nicht.

Victor Fritzen (SZ) interviewt Markus Mau, Leiter des Schalker Fanprojekts, zu den Vorfällen.

Genau das bereitet uns am meisten Sorge. Ein solcher Vorfall in der Heimkurve, wo auch viele Jugendliche stehen, bleibt haften. Sie singen künftig „Bullen sind Schweine“, ohne mit der Wimper zu zucken. Das Vertrauen in die Polizei geht verloren, was eine große Gefahr für die Gesellschaft ist.

Reaktionen im Netz beim WDR.

Bei Schwatzgelb gibt es ebenfalls eine umfangreiche Zusammenfassung der gestrigen Ereignisse.

Der Sky-Inside-Report berichtet zu den Hintergründen.

Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, hat die Kritik am Polizei-Einsatz beim Champions-League-Qualifikationsspiel zwischen Schalke 04 und PAOK Saloniki zurückgewiesen. «Das war verhältnismäßig und rechtmäßig», sagte Wendt den Dortmunder «Ruhr Nachrichten». (Quelle)

Auch NRW-Innenminister Ralf Jäger hat sich nun geäußert (WAZ).

Trotz des umstrittenen Einsatzes sieht Innenminister Ralf Jäger (SPD) seine Linie im Umgang mit Fans nicht infrage gestellt. „Wir setzen weiter auf den Dialog. Das Motto der NRW-Polizei lautet: Mit allen reden, aber konsequent gegen Gewalttäter“, sagte ein Sprecher Jägers auf Anfrage. Es gebe keine neuen Vorgaben für eine härtere Gangart im Stadion. Die FDP will die Vorfälle zum Thema im Landtag machen. „Der Innenminister muss darlegen, was passiert ist. Warum konnte keine Absprache mit den Verantwortlichen von Schalke erfolgen, warum mussten Polizisten Reizgas und Schlagstö­cke einsetzen?“, so der innenpolitische Sprecher Robert Orth. Die Piratenpartei sprach von einem „Eskalationskurs“ der Polizei.

Malte Dürr zu eben jenem Jäger.

Andreas Bock (11Freunde) fragt sich, ob die Polizei eine neue Strategie fährt in NRW.

Am Ende wird man den Eindruck nicht los, dass die Polizei in NRW gerade eine neue Strategie fährt. Am vergangenen Wochenende kam es vor dem Spiel Borussia Dortmund gegen Eintracht Braunschweig zu Einsätzen, die von den BVB-Fans als unverhältnismäßig eingestuft wurden.

Stellungnahme der Gelsenkirchener Ultras.

Man kann vielleicht auch zu der Erkenntnis kommen, dass der Einsatz der Polizei gar nicht so unrecht war. Anfang August hat der DFB, auf Druck von Polizei und Politik, 32 Stadionverbote gegen Schalke-Fans aufgrund der Ereignisse am Flughafen Dortmund am 06.03.2013 erteilt. Durch den intensiven Einsatz der Verantwortlichen von Schalke 04 konnte erwirkt werden, dass die Stadionverbote für Heimspiele keine Gültigkeit besitzen. Dies wird der Polizei Gelsenkirchen sicherlich nicht gefallen haben und man hat den Nachweis erbringen müssen, dass diese 32 Personen eine Gefahr für die Sicherheit im Stadion darstellen.

Herr Wendt meint weiterhin, dass es sich bei der gezeigten Flagge um Volksverhetzung handelt (RN).

Das hat den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Das haben die Beamten genauso gesehen. Das konnte die Polizei nicht dulden. Deshalb sind die Kollegen richtigerweise eingeschritten. Diese Fahne wird von den griechischen Fans als Beleidigung und Provokation empfunden. Die Polizei musste hier abwägen und hat die richtige Entscheidung getroffen. Wenn die Fangruppen aufeinander losgegangen wären, hätte das schwerwiegende Folgen gehabt. Die drohende Eskalation musste sehr schnell unterbunden werden.

Der Focus spricht relativ unsachlich und unobjektiv von Erpresser-Griechen.

Die UEFA leitet ein Verfahren gegen die Schalker ein (WAZ).

Um Ergänzungen wird in den Kommentaren gebeten.

Veröffentlicht von

Seit der Geburt im Jahre 77 ansässig in der lebenswertesten Stadt der Welt – Münster. Erste Stadionerfahrungen leider nicht beim schönsten Fußball der Welt, sondern bei den Preußen aus Münster in der Oberliga. Inzwischen Social-Media-Manager, Journalist, Blogger und dem Leverkusener Vizekusen-Syndrom verfallen. Eine Geschichte voller Mitleid und Trauer, genährt von der Hoffnung, eines Tages eine Hand an der Meisterschale zu haben. Google+

13 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Die Polizei unterstützt doch mit ihrem Handeln gerade den Rassismus der Griechen gegen Mazedonien. Kapiert die DPolG das nicht?!

    • Ehrlich gesagt, ist mir da auch etwas die Spucke weggeblieben.
      Erich Rettinghaus, den Namen muss man sich wohl merken.

  2. Un der Fairness halber. Der Sturz der Frau ist in keinster Weise mit dem Polizeieinsatz in Verbindung zu bringen. Dieser geschah in der Südkurve und der Polizeieinsatz ereignete sich in der Heimkurve.

  3. Das die Polizei wegen der Böller und Bengalos nicht in die Gästekurve geht habe ich schon öfter gesehen. Aber das sie sich vor das griechische Pferd spannen lässt hätte ich nie erwartet.
    Wenn ein Gästetrupp droht, egal womit, dann müssen sie raus. So einfach ist das in meiner Welt.

    Schlimm fand ich auch mit anzusehen wie sich nachher Polizisten draussen „Fäustchen“ gegeben haben oder die Aussage eines Nordkurvlers, dass sich selbst beim Abzug eine Polizistin das Gesicht vermummt hat und mit den Fingern eine Schussgeste gemacht hat.

    2 betroffene Kinder habe ich gesehen, die noch mit so einer Spüllösung da standen. Die haben die böse böse Fahne sicher nicht aufgehangen. Frauen knieten über Eimern, eingepackt in Wärmefolien…

    Wir sind dann zügig nach Hause… Mich bringt das Wenige was wir gesehen haben auch heute noch so auf, dass ich mir mehr davon sicher nicht hätte geben können.

  4. Die Bilder des „Einsatzes“ haben mich selbst als Russen, und wir sind ja nun wirklich einiges gewohnt, schockiert! Was aber noch viel schlimmer ist, sind die Kommentare, die man jetzt von der Polizei zu hoeren bekommt! Eine solche Frechheit verschlaegt mir die Sprache. Allerdings, deuten die Rechtfertigungsversuche der Polizei m.E. an, wohin die Diskussion abdriften soll. „Rassismus“ und „Volksverhetzung“, damit wird sich schon alles entschuldigen lassen. Es bleibt wie immer die Frage: Cui bono?
    Ich wuensche allen Schalker Fans, die gestern die „Hilfsbereitschaft“ ihrer „Freunde und Helfer“ ertragen mussten alles gute, und hoffentlich kommt Schalke in die CL!!
    Alles gute aus St. Petersburg.

  5. Pingback: #Link11: Sex sells? Nicht mit uns! | Fokus Fussball

  6. Das Drohen der PAOK Funktionäre hat offensichtlich System. Im Spiel gegen Rapid Wien wurde offensichtlich ein ähnliches Spiel getrieben.
    „…PAOK Verantwortlichen dem Schiedsrichterteam, den UEFA Delegierten und Rapid händeringend gesagt haben, dass sie spielen sollen, da sie ansonsten nicht mehr für die Sicherheit sorgen können und „Rapid da nicht lebend aus dem Stadion kommt“…“
    Quelle: derstandard.at
    http://derstandard.at/plink/1345165030676?_pid=27643921&#pid27643921

  7. Pingback: Keine Guten, keine Bösen: Eine Party für staatliche und autonome Gewalt-Prolos | Rotorman's Blog

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