Tor 22: Fußball ist beste

In den 70ern geboren. War Kommissar, verlor seinen Job. Geht gerne in die Kneipe. Raucht Ernte. Ist irgendwie Fan von Borussia Dortmund. Das ist Dembowski, der auf eigene Rechnung ermittelt und Geschehenes im Blog verarbeitet.

Stephan Uersfeld, dessen Beschreibungen von täglich wechselnden Rudelgucklocations zum Besten gehörten was zur Europameisterschaft veröffentlicht wurde, konnte den Ermittler dazu bewegen, seine Sicht der Dinge für den Fokus Fussball Adventskalender aufzuschreiben. Stichwort: Fußballerlebnis des Jahres 2012

Irgendwann während der Europameisterschaft verlor ich die Lust am Fußball. Die letzten beiden Jahre hingen immer noch über mir und die Wucht der Erfolge schien mich zu erdrücken. Als ich als Ermittler vor nunmehr zwei Jahren an die Öffentlichkeit trat, weil es eben so sein musste und die Geschichte erzählt werden sollte, hatte ich das nicht im Sinn gehabt. Mittendrin in der besten Zeit, die ein Fußballfan jemals erleben durfte.

Wenn in einigen Jahren die großen Mannschaften des deutschen Vereinsfußballs zusammengetragen werden, wird man sich an die Klopp-Jahre erinnern. An den langsamen Aufstieg, die Explosion, an die Leidenschaft, mit der diese Mannschaft alles in Grund und Boden spielte, und am Ende sogar das Projekt 81 erfolgreich abschloss.

Siege über Siege. Ein Pokalfinale jenseits der Vorstellungskraft, die trotzigen Worte Lahms. Und mit dem 4-4 gegen den VfB Stuttgart das beste Ligaspiel seit langer Zeit. Dies trieb mich zwar an die Grenzen meines Verstands und in der Folge direkt in Bonnies Ranch. Doch die anschließende Stille der Stadt, und die in die Kneipen und Klubs strömenden Menschen, die in mir nur einen weiteren Feierwütigen sahen, der es eben zu früh zu weit getrieben hatte, und die meine Erschöpfung für Trunkenheit hielten. Die mich anstarrten während ich fiel, nur um mich noch einmal kurz aufzurappeln und „ich habe es gesehen“ zu denken.

Aber trotz alledem zerrte und riss es irgendwann während der Europameisterschaft an mir. Nicht einmal die Richtungen konnte ich noch überblicken. Fußballlebensglück aufgebraucht, alles gesehen, Jogi Löw stellte Toni Kroos auf und irgendwo in Frankfurt entwickelten sie das Papier, das die erste Halbserie der neuen Saison mindestens genauso wie Bayern München dominieren würde. Wie so viele, sah ich das kommen. Das war zu viel für mich. Ich gab auf. Ich verlor die Lust. Ich schwor mir nie wieder ein Fußballspiel zu sehen, mindestens bis ins Jahr 2013 hinein. Ich wanderte aus und versuchte mein Glück auf dem Land.

Dann war sie auf einmal wieder da. Die Lust am Spiel. An den Figuren, die sich auf dem Spielfeld verschoben, an den kleinen Einheiten, die in ihrem Zusammenwirken die absonderlichsten Gefühle auslösen konnten. Es gab nicht einmal einen entscheidenden Moment. In dem Moment, in dem sich auf dem Spielfeld die Figuren bewegen, die Menschen sich ihre Geschichten erzählen und für manche das Spiel größer als das Leben ist. In dem Moment, in dem für andere das Spiel die Ablenkung aus dem tristen Alltag und für eine wieder andere Gruppe, das Spiel der Antrieb ist endlich irgendetwas zu machen, in dem Moment kann ich nicht anders. Genau diesen Moment gab es irgendwann. So oft ich auch drüber nachdachte, welche Spielszene, welche Gegebenheiten letztendlich dafür verantwortlich war, ich kam nicht drauf.

Irgendwann als die Liga wieder lief, war ich auch wieder da. Mit ganzem Herzen, mit der seltsamen Zuneigung, die sich so anders als Liebe anfühlte, die – einem innerlichen Zwang gleich – den Wochenrhythmus vorgibt, und den Tagesablauf an Spieltagen in immer gleiche, aber nie langweilige Abläufe presst.

Wenn der Ball rollt und Bender grätscht, wenn Gündogan in Manchester einen Pass spielt und es am Ende doch nicht reicht, wenn der kranke Weidenfeller gegen Hamburg mehr als unglücklich hält und wenn man im Derby nach gefühlten 20 Sekunden sieht, dass das Spiel verloren und nur ein paar Tage später nach genau 20 Sekunden klar ist, dass Real aus dem Stadion gejagt wird. Wenn man in Kneipen hört, wie auch die Halbwissenden in Brementrikots sich mit ihren übertriebenen Geschichten über vergangenen Auswärtsfahrten durch triste Homecomingfeiern, wie die schweigende Zusammenkunft voreilig angekündigt worden war, hinwegretten, dann muss an diesem Spiel irgendwas dran sein.

Als ich neulich zu viel zu später Stunde mal wieder im Oldie-Eck saß und meine Geschichten über Ricken 97 mit dem Derbyempfang von 2010, der Meisterfeier 2011 und dem Double 2012 zu meiner großen Dembowski-Legende vermischte, fragte mich der verbliebene Zuhörer: „Dembowski, was bedeutet Dir Fußball?“ „Fußball ist beste!“ antwortete ich ihm. Er schaute mich an und bestellte noch eine Runde. „Erzähl ruhig weiter, Fußball ist wirklich beste!“

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