Tor 13: Freak mit kurzen Socken

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Spielt eine Mannschaft im 4-3-3, wechselt geschmeidig in ein 4-4-2, um dann mit einer Führung im Rücken in ein defensives 4-5-1 mit Doppelsechs zu wechseln, dann lässt das das Herz des Taktikfreundes höher schlagen. So zumindest die laienhafte Vorstellung des ausgedienten Liberos.

Als ich Tobias Escher um sein Fußballerlebnis des Jahres 2013 bat, erwartete ich also einen Bericht über einen hinreißenden Auftritt des SC Freiburg oder die Beschreibung der Aufstellungen des FC Bayern in Champions League Duellen gegen Barcelona oder Dortmund. Der Spielverlagerung-Mitbegründer und #Link11-Virtuose belehrte mich allerdings eines Besseren und nimmt uns mit zu einem amüsanten Ausflug in die Welt von Sky: 

Eines schönen Nachmittages klingelte mein Telefon. Am Apparat war ein netter Herr von Sky. „Herr Escher, könnten Sie sich vorstellen, als Experte in unserer Champions-League-Berichterstattung aufzutreten?“ Und so wurde aus einem semiprofessionallen Fußballblogger plötzlich ein Experte auf Sky, der seine Weisheiten an der Seite von Niko Kovac und Franz Beckenbauer verbreiten durfte.

Das Erste, was ich feststellen durfte: Sky weiß, wie man seine Gäste verwöhnt. Am Flughafen wartete schon ein Chauffeur auf mich, passend bestückt mit einem Schild, auf dem mein Name stand. Ich schlug sein Angebot aus, hinten zu sitzen, auch wenn es mich durchaus in den Fingern juckte, einmal im Leben wie ein Mafiaboss zu reisen. Auf der Fahrt nach Ismaning bestätigte mein (sehr netter!) Chauffeur ein Vorurteil, das mir meine Großmutter immer gepredigt hat: Willst du Klatsch und Tratsch hören, geh zum Friseur oder schaff’ dir einen Chauffeur an. Zumindest weiß ich jetzt, dass Christoph Daum sich mit wirklich jedem anlegt, sogar mit unschuldigen Chauffeuren.

Im Studio wartete man schon auf meine Ankunft. Moderator Michael Leopold und Co-Experte Niko Kovac empfingen mich halbnackt in der Maske. Wolff Fuss fläzte in der Ecke auf dem Sofa und rief nach meiner Vorstellung quer durch den Raum: „Spielverlagerung? Ihr seid doch die Freaks!“ So stellt man sich einen Empfang vor.

Wer eine Live-Sendung am Fernseher sieht, kann sich nur schwer vorstellen, wie viel Stress vor und während der Aufnahme entsteht. Kameras fahren durch die Gegend, dauernd brüllt jemand „Noch 60 Sekunden!“, ständig gibt es neue Anweisungen. Für langatmige Monologe und Improvisation ist wenig Zeit, schließlich wollen all die vorbereiteten Einspieler gesendet werden.

Umso bewundernswerter fand ich, wie sanft Michael Leopold durch die Sendung führte. Wenn Niko Kovac oder ich während eines Einspielers zu einem Thema sagten: „Da kenne ich mich aus“, richtete er seine Moderation darauf aus. Zumindest beim Expertengespräch blieb Zeit, vom Skript abzuweichen. So durfte ich Erik Meijer widersprechen, als dieser Philipp Lahm zurück auf die Außenverteidigerposition stellen wollte. Vom Publikum erntete ich ein verständnisloses Kopfschütteln für meine kleine Rebellion. Seltsamerweise wollten nach der Show alle von Niko Kovac und Franz Beckenbauer ein Autogramm, niemand aber von mir.

Dass die Welt des Fernsehens ein wenig anders tickt als die normale, habe ich aber bereits wenige Minuten nach Sendebeginn gemerkt. Schludrig wie ich bin habe ich mir nicht allzu viele Gedanken über mein Outfit gemacht. Dummerweise hatte ich extrakurze Socken angezogen, sodass man in der Anfangsviertelstunde meine haarigen Schenkel sehen konnte. Meine Visagistin fand das gar nicht sexy und bemühte sich um ein Paar Ersatzsocken für mich. Am Ende musste ein armer Assistent mir seine Socken leihen.

Anstrengend fand ich vor allem die Zeit während der Spiele. Wir haben sieben parallel laufende Spiele in einem kleinen Zimmer auf neun Fernsehern geschaut; ein großer zeigte (auf Wunsch von Franz Beckenbauer) das Topspiel Bayern gegen Manchester City, acht kleinere die restlichen Partien plus die Konferenzen. Voll jugendlichem Tatendrang konzentrierte ich mich voll auf die Spiele – am Ende habe ich bei so vielen Spielen aber doch nur Ausschnitte mitbekommen. Dementsprechend muss man sich in der Nachberichterstattung in Phrasen flüchten, gerade wenn es um Partien geht, von denen man höchstens die Tore mitbekommen hat.

Wie mein Auftritt ablief und was ich genau gesagt habe, interessierte in meinem Bekanntenkreis nachher niemanden. Mir wurde eigentlich nur eine Frage gestellt: „Und, wie war der Franz so?“ Dazu muss man erst einmal festhalten: Es gibt den Punkt im Leben eines jeden Sportreporters, an dem er realisiert, dass Fußballer auch nur Menschen sind – mal bessere, mal schlechtere. Ich hatte diesen Punkt erreicht, als ich vor Lothar Matthäus stand und mit eigenen Augen sah, dass er tatsächlich nur 1,74m misst – und damit ganz und gar nicht überlebensgroß ist. Mit der Zeit stumpft man als Sportreporter ab, was das Aufeinandertreffen mit Fußballgrößen angeht, auch wenn das in meiner Umgebung kaum einer glauben will.

Dementsprechend empfand ich Franz Beckenbauer als das, was er wohl auch ist: Ein sehr netter, nicht mehr ganz jugendlicher Mann.. Er trägt eine alte, abgewetzte Aktentasche mit sich, wie ein Lehrer, der den Job schon seit Jahrzehnten macht. Sein Interesse galt vornehmlich dem Spiel der Bayern, das er dafür aber umso leidenschaftlicher verfolgte. Ansonsten scheint es bei Sky ein Einverständnis zu geben, gegenüber Franz die Phrase „Wie geht es dir?“ durch „Warst du mal wieder Golfspielen?“ zu ersetzen. Er behandelte alle Menschen gleich freundlich und entgegenkommend, vom Autogrammjäger bis hin zum Möchtegernexperten eines Fußballblogs. Zwischendurch durfte ich ihm sogar Twitter erklären.

Es war ein schöner Ausflug in die Welt der Fußballberichterstattung. Ich hätte nichts dagegen, auch 2014 meinen „Fußballmoment des Jahres“ über einen TV-Auftritt schreiben zu dürfen.

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5 comments » Write a comment

  1. Vielen Dank für den Text und vielen Dank auch an die auf Fußball fokussierten Menschen, dass sie wieder einen Querschnitt durch die deutschsprachigen Fußballschreiber möglich machen.

    Ich habe mich auf diesen Text ganz besonders gefreut, hatte Tobias ohnehin via Twitter oder so fragen wollen, wie es denn war, bei sky gewesen zu sein und bin nun ein wenig enttäuscht. Aber nicht, weil die Frage, wie es bei sky war, nicht beantwortet wird. Das las ich alles sehr gerne und mit Vergnügen.

    Vielleicht hab ich die Einleitung auch missverstanden, aber ich hätte mir hier ein paar Sätze mehr dazu erhofft, wie der Franz denn so als Figur bei Sky hinter den Kulissen wirkt. Oder auch eher eben nicht als Figur, sondern als “Mensch”. Das kommt mir hier ein wenig zu kurz. Weil mich das sehr interessiert.

    Was natürlich nicht per se Kritik ist, ich hatte wohl nur andere Erwartungen. Könnte man da nicht noch Teil II schreiben, mit dem Fokus (ähem) auf den Franz und das in meiner Rubrik “Der Dummschwätzer” veröffentlichen? Ich würde jedenfalls gerne noch ein wenig mehr erfahren.

    • Du bist nicht der Erste, der enttäuscht ist von meinen Ausführungen über Franz Beckenbauer. Allerdings kann ich nicht sehr viel über den Franz schreiben, da ich kaum Zeit mit ihm verbringen konnte/durfte/musste. Ich selbst kam erst eine halbe Stunde vor der Aufzeichnung in die Maske, Franz hingegen war bereits fertig und setzte sich in die Lounge. Nach der Sendung ist er sofort nach Salzburg gefahren, da er am nächsten Morgen seine Kinder zur Schule fahren musste (ohne Chauffeur, er fährt die Strecke München-Salzburg stets selbst, habe ich mir sagen lassen). Unsere gemeinsame Zeit beschränkte sich also auf die Sendezeit, die jeder sehen konnte, plus die Zeit während der Spiele, als ich strebsam-beflissentlich versuchte, möglichst viel von den Partien mitzubekommen.

      Dementsprechend kam es eigentlich nur zu vier nennenswerten Interaktionen zwischen Franz und mir:

      – Die freundliche Begrüßung durch ihn, während der er mir sofort das “Du” anbot.
      – Eine kurze Unterhaltung während der Spiele, als er sich darüber beschwerte, dass er als Nationaltrainer die Sendeanstalten dazu gedrängt habe, Bilder aus der Totalen aufzunehmen. Diese zeigten sich jedoch uneinsichtig. Hier haben wir uns kurz darüber ausgetauscht, wie stark der Blick auf Fußball hierzulande durch die Fernsehbilder eingeschränkt wird.
      – Die im Text erwähnte Geschichte, als er den Sky-Leuten schmackhaft machen wollte, mich oder Niko Kovac zum Halbzeitexperten zu küren.
      – In Halbzeit Zwei fragte irgendjemand im Raum, warum Niko und ich die ganze Zeit mit unserem Handy rumspielen. Niko hat wohl Nachrichten an ein paar Spieler geschickt (war zu der Zeit noch U21-Nationalcoach Kroatiens), ich habe getwittert. Darauf hat Franz mich gebeten, ihm einmal dieses Twitter zu erklären, was ich auch gemacht habe.

      Ich gehöre nicht zu den Menschen, die nach einer solch kurzen Begegnungen gleich ein Charakterporträt schreiben. Wenn mich jemand dazu zwingen würde, würde ich folgende Punkte zum Besten geben:

      – Franz Beckenbauer ist alt. Im Fernsehen sieht man das nicht, wenn man ihn aber ungeschminkt trifft, merkt man sofort, dass der Mann auf die 70 zugeht. Dazu läuft er sehr unrund und leicht gebeugt – kein Wunder bei seinen Knieproblemen. Sobald die Kamera angeht, reißt er sich jedoch zusammen.
      – Er machte auf mich nicht den Eindruck, als dränge er sich in den Vordergrund. Er war recht zurückhaltend und hat während der Spiele eigentlich nichts gesagt. Auch sein Versuch, andere Leute für die Halbzeit einzuspannen, klang auf mich nicht gestellt-zurückhaltend, sondern aufrichtig; so als ob er den ganzen Trubel nicht mehr haben müsse, aber seiner Expertentätigkeit eben weiter nachgeht, solange man ihn freundlich darum bittet.
      – Er ist Bayern-Fan durch und durch. Ich glaube, von den anderen Spielen hat er nicht einmal die Tore mitbekommen. Höchstens wenn Niko und ich uns über Ibra oder Ronaldo unterhalten haben, hob er kurz seinen Kopf zum passenden Bildschirm. Ansonsten waren seine Augen fixiert auf den großen Fernseher mit dem Bayern-Spiel.

      Ich hoffe, diese etwas weiter gefassten Ausführungen stillen deinen Wissensdurst.

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