Tor 17: The Final Countdown

Immer wieder sieht man in Stadien große Banner mit der Aufschrift: “Gegen den modernen Fußball!” Wenn das heißt, dass man gegen Überdachung aller Plätze und für zugige Stadien mit Tartanbahn ist, dann ist Unverständnis vorprogrammiert. Wenn der Spruch aber darauf abzielt, dass man sich gegen überhöhte Ticketpreise, gegen übertriebene Werbevermarktung und gegen die unnötige Eventisierung von Fußballspielen ist, die auch ohne übertriebenes Tamtam zu Erlebnissen werden können, dann kann man der undifferenzierten Losung etwas abgewinnen.

Der ausgezeichnete Blogger Trainer Baade beschreibt gewohnt wortgewandt in seinem Text für den “Fokus Fussball Adventskalender” die Auswüchse der Fanbespaßung bei der Europameisterschaft 2012. Zum Glück mit Happy End.

Das schönste Fußballerlebnis im Jahr 2012 war der Countdown vor dem Anpfiff zur EM-Partie zwischen Deutschland und Dänemark. Sein Eintreffen schraubte das Gefühl der Erleichterung in nie zuvor gekannte Höhen. So wie es sich anfühlt, das Ende des Countdowns für den Anpfiff einer Europameisterschaftspartie der UEFA zu erleben — so körperfüllend rundum glücklich machend muss Heroin wirken.

Schließlich hatten einige Herren in Anzügen (aber ohne Krawatten, so ist das im Sportbusiness) vor das Erreichen der letzten Zahl des Countdowns zum Anstoß ein Martyrium an auditiver Folter gesetzt, welches im einigermaßen zivilisierten Europa kein zweites kennt.

Bis zur Ankunft am Stadion war alles den gewohnten Gang eines weiter entfernt liegenden Auswärtsspiels gegangen. Anreise zum Flughafen, einchecken, rumlungern, mit dem innerlichen Finger auf andere Fans zeigen und sich und den Mitreisenden versichern, dass man keineswegs derart präcox begeistert schon an Gate 08/15 singen und sich in kindlicher Manier von der Freude übermannen lassen würde.

Der Flug frei von Turbulenzen und die Begrüßung an einem sommerlich heißen Flughafen durch gemischt glücklich dreinschauendes Bodenpersonal. Einerseits ohne die Fußballfans nichts zu tun hier, dann auch keinen Job, andererseits Fußballfans.

Selbst der Zubringerbus umkurvte die eine orthodoxe Kirche so schwungvoll wie das andere baufällige Gerippe eines Supermarktes. Die Menschen winkten, mindestens einer jedenfalls, wenigstens die Reflektion in der Scheibe winkte zurück.

Von der Stadt hingegen nichts zu sehen, denn der Weg vom Flughafen führte in das ganz nach neuem Brauch auf der Grünen Wiese errichtete Stadion an der Stadt nur vorbei. Ankunft im Stadion also knappe drei Stunden vor Spielbeginn, wo sich tatsächlich einige Dänen in Wikingerkluft geworfen hatten. Wo sich tatsächlich einige Dünnbirnen eine Pickelhaube aufgesetzt hatten, leider mit dem Pickel nach oben zeigend, und viele der Massen nach Ausstieg aus dem Bus in gröhlender Schlandmanier zu den Stadiontoren zogen.

Ein Stadion für nur etwas über 30.000 Zuschauer, somit waren ohnehin keine allzu großen Massen zu erwarten. Davor drei, vier vereinzelte, von der UEFA engagierte Stelzenläufer oder Fußballtricks vorführende ukrainische Kinderchen, außerdem die von Warner Bros. designten Maskottchen in Überlebensgröße. Alles erwartbar und auch verschmerzbar, Augen können nicht nur wegsehen, man kann sie auch schließen.

Ohren leider nicht.

Was sich nach Betreten des Stadions an Akustischem ereignete, davor gab es kein Entrinnen. Drei Animateure, jeder mit einem Mikro ausgestattet, einer englisch schreiend, einer deutsch und einer dänisch, traten den Beweis an, dass Menschen für Geld wirklich alles tun. Wie auch den Beweis, dass der Mensch zwar die Krone der Evolution darstellt, diese Krone aber maximal aus Kaugummipapier gebastelt ist und Gold als Material für die evolutorischen Kronen späterer Spezies zurückgehalten wird.

Der dänische Einpeitscher stand vor der Galeere dem Block der Dänen, der deutsche Marktschreier vor dem anderen Ende des Spielfelds und jener, welcher auf englisch die Synapsen zum Erweichen bringen wollte, dazwischen.

Die Spielchen, die man sich hatte einfallen lassen, um die nur in den Köpfen von UEFA-Verantwortlichen wenig zum Singen neigenden Fans bei Turnierspielen zu bespaßen, unterschritten mühelos die Qualität des sanitären Abfallplans im niegelnagelneuen Stadien. Überflüssig zu erwähnen, dass es einen solchen nicht gab.

Die Zeit im Kindergarten ist lange her. Jene einzige Zeit im Leben eines Menschen, in der er alle seine physischen Möglichkeiten austestet. Beispielsweise, indem man sich darin zu überbieten sucht, wer am lautesten schreien kann. Im Lemberger Stadion hatten die Wettbewerbe eine perfide zusätzliche Komponente. Hier ging es darum, ob Dänen oder Deutsche lauter und länger schreien konnten als ihre Gegenüber, welche allerdings keine Konkurrenten mehr waren, im Grunde schon nach Sekunden nur zu Leidensgenossen zusammengeschmolzen.

Länger und lauter ein Geschrei von sich zu geben, das war der im Rückblick gnädige Teil der Spielchen. Dazwischen — natürlich wurde die Übung mit dem “länger und lauter schreien als die anderen Kurve” etwa alle zehn Minuten wiederholt — ging es auch noch darum, wer am längsten, lautesten oder debilsten eine La-Ola zelebrieren und am Leben halten könne. Diese musste ebenfalls akustisch mit einem “oooooo-hooo” untermalt werden — man kennt diesen Dopplereffekt, wenn La-Ola an einem vorbeizieht. Und hätte man ihn nicht gekannt, man hätte hier in drei Stunden etwa 180 Gelegenheiten gehabt, ihn kennenzulernen.

Wäre das jedoch alles gewesen, die geplagten Ohren und deren Besitzer hätten sich vielleicht zwischendurch erholt. Es ging weiter mit dem Anstimmen zusätzlicher Lieder. Entweder eine der beiden Nationalhymnen in einer rockigen Version oder ein bestimmter Fansong, der gerade “in” war. Jedenfalls sofern etwas “in” sein kann, wenn es eine Stadionregie in einem Stadion zweitausend Kilometer von jenem Land entfernt auswählt, in dem es angeblich “in” sein soll.

“Neuer Rekord!!!”, blinkte es auf der Anzeigetafel. Neuer Lautstärkerekord der gröhlenden Massen, woraufhin einer der drei Animateure orgiastisch in den optischen Jubel der Anzeigetafel einstimmte und mit ebenso großer Inbrunst noch lauter als je zuvor in sein Mikrofon donnerte, dass man — für den Fall, dass man es überlesen hatte — einen “NEUEN REKORD!!!” aufgestellt habe.

“NEUER REKORD!!!” — woraufhin augenblicklich die Nationalhymne des einen der beiden Lager ertönte, gefolgt von einem der beiden Fansongs der sich duellierenden Länder. Wenn man zu diesem Zeitpunkt bloß noch gewusst hätte, in was die beiden Länder sich eigentlich duellieren wollten und aus welchem Zweck man noch mal in dieses Stadion voller Irrer gebracht worden war — man hätte vielleicht einen Hoffnungsschimmer erkennen können, dass diese Folter ein Ende nehmen würde.

Stattdessen ging es unter ständigem Winken der zum Grimmassieren unfähigen, mit Einheitsgrinsen ausgestatteten Maskottchen weiter im Takt. Die Pein nahm kein Ende. Wer ist lauter?, Dänemark, kreisch, Deutschmark, stöhn, noch eine La-Ola, ein Fansong, wir sind alle deutschländer Jungs, der kan louder? — schaukelte sich diese Ouvertüre straight from hell zu einer nicht enden wollenden Achterbahnfahrt auf, welche allerdings nur einen Weg kannte: Je lauter und länger die Leute auf Aufforderung eines der drei Animateure johlten, desto tiefer sank der durchschnittliche IQ der Menge. Auch in dieser Hinsicht also “NEUER REKORD!!!”.

Bis plötzlich und nicht mehr erhofft der Countdown zum Anpfiff einsetzte. Nur noch 15 Sekunden, alle jubelten jetzt ohne Verstand, neun, acht, das wenigstens war klar, es würde doch noch ein Ende nehmen, sieben! sechs! immer lauter!, komm, Herr, und befreie uns, fünf, VIER!!! bald würde Stille sein vom Ohrendrill, DREI!!!!!, som ikke længere kan, wer will noch mal, einfach nur schreien, ZWEI!!! und schließlich war es soweit, die Freude war mit Händen zu greifen EINS!!!, ein kleiner Pfiff nur für einen Schiedsrichter, aber eine große Erleichterung für alle in der Folterkammer des UEFA-Akustikkabinetts, NULL!!!!! — da war endlich Ruhe im Rund und 30.000 Zuschauer sanken taub und völlig ausgelaugt, aber doch noch erlöst in ihre Sitze.

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Aufgewachsen im schönen Schaumburger Land. Liebt den Sport und schätzt den Großteil seiner Kultur. Lebt als Hörfunkjournalist mit angeschlossenen Blogs in Köln. Google+.

4 comments » Write a comment

  1. Klingt ein bisschen nach Regenpause auf einem Nebenplatz in Wimbledon, nur dass sie dort ohne Animateure auskommen, wodurch die (Selbst-) Bespaßung einiges an Unterhaltungswert gewinnt.

    Trainer, was ist eigentlich mit Deinem Blog los? Wann gehst Du wieder auf Sendung?

  2. Da gibt es zur Zeit leider Probleme mit dem Hosten. Sollte eigentlich schon längst behoben sein, ist es aber offensichtlich nicht. Es ist jedenfalls keine freiwillige Pause.

    Danke der Nachfrage.

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