Tor 11: Was im Hinterkopf dräut

“Ich habe aber nicht nur ein Lieblingsteam.” – Was aus dem Munde eines unreflektierten Teens wie die bockige Zurschaustellung fußballerischer Gleichgültigkeit klingen mag, ist beim Autoren des Textes hinter Tor 11 lang gelebte Polyamory. Abwechselnd schlägt das Herz für die alte Liebe Effzeh und das Local Team aus Berlin. 

Der hoch gelobte Spielbeobachter lebt in einer offenen Beziehung mit zwei Clubs. Er beschreibt das auch klug. Da sollte die Suche nach einem Fußballhighlight im ablaufenden Jahr doch kein Problem sein, oder?

Mein allerschönstes Fußballerlebnis 2012:

Danke für die Aufmerksamkeit, das war es, ich hoffe, es hat Euch gefallen.

Nun gut, etwas ausführlicher soll es dann doch sein: Das allerschönste Fußballspiel 2012 hat leider nicht stattgefunden. Ausgefallen wegen ist nicht. Fand seinen historischen Platz im Niemals. Ist ins Reich der Mythen und Legenden abgeritten.

Obwohl ich es schon ahnte, bin ich sie extra noch einmal durchgegangen, die Spielpläne meiner beiden Herzvereine, des 1.FC Köln und des 1.FC Union Berlin, habe mir alle Spiele der Rückrunde 2011/12 und der Hinrunde 2012/13 angesehen: Nichts, nada, niente.

Sicher, das eine oder andere Spiel könnte in die nähere Verlosung kommen: Da wäre zum Beispiel dieses höchst unterhaltsame 5:4 der Eisernen gegen Hansa Rostock am 33. Spieltag. Neun Tore, das ist doch mal was, sieht man nicht alle Tage. 0:2 stand es nach 10 Minuten, zur Pause 3:3. Aber trotzdem, und trotz aller Dramatik für die Rostocker, deren Abstieg an diesem Tage endgültig entschieden wurde, das Ganze war nur höchst unterhaltsam. Wir standen auf den Rängen der Alten Försterei und lachten und johlten, aber eigentlich war es ein wenig egal, Union war schon lange jenseits von Gut und Böse und die Absurdität des Spielverlaufs trug das ihrige dazu bei. Und seien wir ehrlich, ein großes Spiel, ein Spiel, das den Titel Spiel des Jahres 2012 zu Recht trägt, verträgt nicht all zu viel amüsante Absurdität.

Ähnlich verhält es sich mit dem 2:3 Sieg der Kölner Mannschaft in Regensburg am 10. Spieltag. Bis zur 87. Minute führte die Mannschaft aus Bayern mit 2:0, ehe dann drei Kölner Tore binnen fünfeinhalb Minuten das Spiel komplett auf den Kopf stellten. Wir brauchten viele Kölsch in der Berliner Kneipe, in der wir uns immer sammeln, um den effzeh zu sehen, um das Kichern wieder loszuwerden. Aber die ersten 87 Minuten waren das reine Grauen, limitierte Regensburger konnten nicht viel, wenn auch mehr als indisponierte Kölner. Wäre das Spiel ein Endspiel um den Wasauchimmer-Pokal gewesen, ja sicherlich, es wäre historisch gewesen. Aber das war es nicht. Es war ein graupeliges Spiel zweier Mannschaften, die nicht viel hinbekamen im Tabellenkeller der zweiten Liga.

Überhaupt die Tabellenkeller der ersten und zweiten Liga, da habe ich mich dieses Jahr herumgetrieben, und nein, Spaß macht das nicht. Union spielte eine mäßige Rückrunde und eine nicht viel bessere Hinrunde. Und der 1.FC Köln setzte in der Rückrunde neue Maßstäbe und erlang eine Meisterschaft nach der anderen: Die Meisterschaft im Tabellenabsturz, die Meisterschaft im Verein-Zerstören und die Meisterschaft im Komplett-Auseinanderfallen. 0:1, 1:4, 0:1, 0:1, 1:2, 0:2, 1:1, 1:0, 1:4, 1:6, 1:2, 1:1, 0:4, 0:3, 1:1, 1:4, 1:4 (aus Kölner Sicht). Und ehrlich, die Ergebnisse waren noch das Beste. Und falls jetzt jemand sagt: Hej, da ist doch ein 1:0-Sieg dabei: Stimmt. Gegen den auf neun Mann dezimierten damaligen Tabellenletzten. Tut mir leid, liebe Leser, die heutige Adventskalenderpraline ist verdorben.

Nachdem ich das nun alles niedergeschrieben hab, denke ich, dass das allerschönste Fußballspiel 2012 in der Fantasie stattfand. Und damit meine ich nicht ein erträumter hoher Kölner Sieg am letzten Spieltag gegen die Bayern, der noch den Relegationsplatz bedeutet hätte, um mal ein Beispiel zu nennen. Nein, kein konkretes, zurecht gesponnenes Spiel. Sondern das Spiel, dass da immer im Hinterkopf dräut. Das Spiel, das sein könnte. Das Spiel, das uns neunzig Minuten dran bleiben läßt. Uns jedes verfluchte Wochenende wieder auf die Ränge oder vor den Fernseher treibt, trotz besseren Wissens. Das Spiel, das mich, selbst nach der katastrophalsten Rückrunde seit der Erfindung des Fußballs wieder und wieder dazu bringt, den Gang zu wagen oder den Fernseher anzuschalten. Und genau dieses Spiel, Alter, ich sag’s Dir, das war mal richtig geil.

Und eines Tages werd’ ich es auch sehen.

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Aufgewachsen im schönen Schaumburger Land. Liebt den Sport und schätzt den Großteil seiner Kultur. Lebt als Hörfunkjournalist mit angeschlossenen Blogs in Köln. Google+.

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